Darmkrebsfrüherkennung: Große Qualitätsunterschiede in der Koloskopie
Donnerstag, 14. Dezember 2006
Rockford - Die Effektivität der Darmkrebsfrüherkennung hängt in hohem Maße von der Sorgfalt ab, mit der die Koloskopie durchgeführt wird. In einer Studie im New England Journal of Medicine (NEJM 2006; 355: 2533-2541) bestand eine nahezu lineare Abhängigkeit von der Untersuchungszeit und der Zahl der gefundenen und entfernten Polypen, den Vorläuferläsionen des Kolorektalkarzinoms.
Die Erkenntnis ist der offenen Haltung von Ärzten der Rockford Gastroenterology Associates zu verdanken, einer der Universität Chicago angeschlossenen Einrichtung in einer kleineren Stadt im mittleren Westen der USA. Dort praktizieren zwölf erfahrene Ärzte, die alle mindestens 3.000 Koloskopien durchgeführt haben. Große Unterschiede zeigten sich in der Sorgfalt. Ein möglicher Qualitätsmaßstab ist die „Rückzugsgeschwindigkeit“. Das ist die Zeit, die der Arzt nach Aufsuchen des Caecums benötigt, um das Endoskop wieder bis zum Anus zurückzuziehen. Während dieser Zeit wird die Schleimhaut nach verdächtigen Läsionen abgesucht. Ein Arzt benötigte 3,1 Minuten, ein anderer nahm sich 16,8 Minuten Zeit, wie die Gruppe um Robert Barclay, Rockford, berichtet. Wenn Polypen gefunden und entfernt werden, dauert die Prozedur entsprechend länger (5,6 bis 19,1 Minuten).
Doch anders als bei sportlichen Wettbewerben ist bei der Koloskopie der Schnellste nicht der Beste. Im Gegenteil: Ärzte, die das Endoskop in weniger als 6 Minuten durch das Kolon zurückzogen, fanden fortgeschrittene Adenome bei 2,6 Prozent der Patienten. Ärzte, die sich länger Zeit ließen, entdeckten diese Präkanzerosen bei 6,4 Prozent der Patienten. Auch bei den weniger verdächtigen Hyperplasien gab es große Unterschiede (10,2 versus 26,8 Prozent). Damit waren einige Endoskopiker um den Faktor 2 bis 3 besser als andere.
Es ist keineswegs die erste Studie, die Qualitätsunterschiede bei der Koloskopie aufzeigt. Joel Levine und Dennis Ahnen, beide Denver, beziffern die „miss rate“ in einer Übersicht (NEJM 2006; 355; 2511-2557) auf 6 bis 12 Prozent für Adenome mit einer Größe von mehr als einen Zentimeter, und auf 12 bis 25 Prozent für kleinere Adenome. Eine mögliche Folge könnten jene 0,3 bis 0,9 Prozent von Intervall-Karzinomen sein, die in Studien innerhalb von 3 Jahren nach der Koloskopie auftraten, wie David Lieberman, Universität Portland, im Editorial erwähnt (NEJM 2006; 355: 2588-2589). Sicherlich kann nicht jedes Intervall-Karzinom als Beweis für übersehene Adenome gewertet werden, die großen Unterschiede in der aktuellen Studie dürften jedoch zu Überlegungen führen, wie die Qualität der Darmkrebsfrüherkennung, in die die Kassen viel Geld investieren, sichergestellt werden könnte. © rme/aerzteblatt.de
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