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USA: Neues Antidot bei Blausäurevergiftung zugelassen

Montag, 18. Dezember 2006

Washington - Die Angst vor terroristischen Anschlägen hat in den USA dazu geführt, dass ein Medikament zur Behandlung von Cyanid-Vergiftungen ohne die ansonsten langwierigen klinischen Studien auf den Markt kommt. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat ihre Entscheidung vor allem auf Basis einer tierexperimentellen Studie getroffen. In Deutschland steht Cyanokit® einigen Zentren zur Verfügung, wenn auch ohne offizielle Zulassung.

Blausäure blockiert die „innere Atmung“ in den Mitochondrien, wohin sie sehr schnell gelangt, da Cyanide (nach Aufnahme eines Protons) eine Lipidmembran ungehindert passieren kann. Es kann durch die Haut oder den Intestinaltrakt, aber auch über die Atmung aufgenommen werden, was Cyanide zu einem potenziellen Giftgas macht. Als solches wurde es bereits im Ersten Weltkrieg von der französischen Armee eingesetzt und auch in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern wurde Blausäure verwendet. Heute kann Blausäure bei Bränden entstehen, weshalb sich einige Feuerwehren bereits mit dem Cyanokit der Firma Merck ausgerüstet haben, allerdings versuchsweise, denn eine abschließende Bewertung durch die Zulassungsbehörden lag bisher nicht vor.

Cyanokit enthält den Wirkstoff Hydroxocobalamin, ein Cyanidfänger. Es bindet Cyanid im Plasma, indem der Hydroxo-Ligand durch einen Cyano-Ligand ersetzt wird. Dabei entsteht Cyano-Cobalamin, eine Form von Vitamin B12, das rasch mit dem Urin ausgeschieden wird.

Die Wirksamkeit wurde in einem kontrollierten Tierversuch an cyanidvergifteten Hunden getestet. Hydroxo-Cobalamin senkte dabei am Ende der Infusion die Cyanidkonzentration um 55 Prozent, wodurch die Überlebenschancen der Tiere im Vergleich zur Placebokontrollgruppe signifikant verbessert wurden. In der vorgeschlagenen Startdosis von 5 Gramm wird das Medikamente nach Angaben der FDA gut vertragen.

Sicherheit sowie die Metabolisierung und Ausscheidung von Hydroxocobalamin wurden auch in einer klinischen Studie an 136 gesunden Erwachsenen untersucht. In der empfohlenen Dosierung von 5 Gramm waren die Nebenwirkungen mild bis mäßig, heißt es in der Pressemitteilung der FDA.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren eine rote Färbung des Urins und der Haut. Vorübergehend kann es zu einem Anstieg des Blutdrucks, zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Lokalreaktionen an der Injektionsstelle kommen. Allergische Reaktionen wurden bei einer kleinen Zahl von Probanden beobachtet. Diese waren nach Angaben der FDA jedoch mild, und sie sprachen zudem gut auf eine Behandlung an.

Empirisch gesehen, sind Menschen eher durch Unfälle als durch terroristische Attacken bedroht. So war im Jahr 1947 in Los Angeles versucht worden, ein Holzhaus mit Blausäuredämpfen von Termiten zu befreien. Das Haus war zwar luftdicht abgeschlossen worden. Es kam jedoch, angeblich wegen einer zu hohen Konzentration von Blausäure, zu einer Explosion, die diese Vorsichtsmaßnahme zunichte machte.

Im Jahr 1995 sollte in einem Urlaubsort in Kroatien eine von Holzwürmern befallene Kirche begast werden. Wegen unsachgemäßer Versiegelung des Gebäudes musste der gesamte Ortskern evakuiert werden. In Iowa hatte sich ein Schüler mit einer derart hohen Dosis Kaliumcyanid das Leben genommen, dass neun Menschen von den von seinem Körper austretenden Dämpfen krank wurden.

Durch die hiesigen Medien ging auch ein Unfall, der sich 2000 in Rumänien ereignete. Nachdem der Damm eines 100.000 Kubikmeter fassendes Auffangbecken brach, ergoss sich die cyanidhaltige Lauge in die Theiß und vergiftete den gesamten Fischbestand. In diesem Jahr kam es in Tschechien bei einem Chemieunfall zu einer Kontamination der Elbe. © rme/aerzteblatt.de

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