Inselkortex als Abhängigkeitszentrum – Wie ein Schlaganfall Raucher von ihrer Sucht befreien kann
Freitag, 26. Januar 2007
Los Angeles - Ein sehr effizienter, wenn auch therapeutisch kaum gangbarer Weg, mit dem Rauchen aufzuhören, scheint ein Schlaganfall zu sein, der die Insula cerebri zerstört. Dies berichten US-Forscher anhand von Fallbeispielen in Science (2007; 315: 531-534), in denen sie Überlegungen anstellen, wie diese Erkenntnis therapeutisch genutzt werden könnte.
Die Studie von Antoine Bechara von der Universität von Kalifornien in Los Angeles wurde von einem Patienten inspiriert, der bis zu seinem Schlaganfall 40 Zigaretten pro Tag geraucht hatte, seither aber keine einzige Zigarette mehr anrührte. Er habe den Drang zum Rauchen ganz einfach vergessen, berichtete den erstaunten Ärzten.
Um zu überprüfen, ob es sich um einen Einzelfall handelt, suchten die Forscher nach ähnlichen Fällen in einem Schlaganfall-Register der Universität Iowa. Dort fanden sie 69 Patienten, die vor dem Schlaganfall geraucht hatten. Von den 19 Patienten, bei denen eine Schädigung der Insula auftrat, gaben 13 nach dem Schlaganfall das Rauchen auf und 12 der 13 taten dies unverzüglich - weniger als einen Tag nach dem Insult, ohne dass sie seither wieder ein Craving, den Drang nach Zigaretten verspürt hätten. Von den anderen 50 Schlaganfallpatienten ohne Insulabeteiligung gaben nur 19 das Rauchen auf, die meisten aber nicht sofort und auch nicht ohne Craving. Die Chancen, dass bei einem Schlaganfall im Inselkortex die Nikotinabhängigkeit schlagartig „abreißt“, ist nach einer von den Autoren aufgestellten Kalkulation 137-fach höher als bei Schlaganfällen in anderen Hirnregionen.
Die Beteiligung der Insula mag Experten überraschen, die diese Hirnstruktur bisher nicht mit dem Suchtverhalten in Verbindung gebracht haben. Der Ursprung wird eher in den Belohnungszentren vermutet, in denen der Neurotransmitter Dopamin eine zentrale Rolle spielt. Das eine schließt aber das andere nicht aus. Die Insula, die enge Verbindung zum limbischen System hat, ist an der Vermittlung von subjektiven Gefühlen an höhere Zentren beteiligt.
Dazu gehören Hunger, Schmerzen, aber vielleicht auch der Drang nach der nächsten Zigarette. Bechara vermutet, dass die körperlichen Reize, die mit dem Rauchen verbunden sind – von der unmittelbaren Reizung der Atemwege bis zur Beseitigung der Entzugssymptome – von der Insula antizipiert werden, was dann dem Gehirn als emotionaler Wunsch signalisiert werden. In der Insula werden Information von verschiedenen Sinnesreizen verarbeitet, vom Geruch des Zigarettenrauchs, dem haptischen Gefühl, welches die Zigarette in den Fingern und zwischen den Lippen vermittelt. Die Summe dieser Reize erweist sich dann in Verbindung mit den in Aussicht gestellten positiven Gefühlen stärker als alle Vorsätze.
Wenn die Autoren recht haben, könnte dies durchaus die psychologischen Ansätze zur Abstinenz stärken, die das Rauchen als erlerntes Verhalten betrachten. Die Gegenmaßnahmen könnten darin bestehen, den Rauchern einen Ersatz für die Zigaretten anzubieten, der sich ähnlich anfühlt, riecht oder schmeckt. Dass derartige Versuche mit rauchfreien Zigaretten, Inhalatoren zur Reizung der Atemwege et cetera bisher gescheitert sind, spricht gegen diese Theorie. Die Forscher waren auch überrascht, dass keiner der Patienten den Drang nach anderen emotional positiv bewerteten Bedürfnissen wie Essen oder Trinken verlor.
Andere Ansatzpunkte könnten sich aus der näheren Kenntnis der Signalverarbeitung im Gehirn ergeben, etwa durch Intervention an Neurotransmittern, die hier zwischen körperlichen Reizen und emotionalen Gefühlen vermitteln. Schließlich könnte versucht werden, die Schädigung der Insula künstlich auszulösen. Die Pressemitteilung von Science erwähnt eine transkranielle Magnetstimulation.
Da die Insula allerdings nicht an der Hirnoberfläche liegt und es bisher kein Verfahren gibt, mit dem Magnetfelder in tieferen Strukturen aufgebaut werden könnten, ohne oberflächliche zu berühren, dürften „Magnethelme“ gegen das Rauchen keine realistische Möglichkeit sein. In ersten Reaktionen auf die Studien wurde in den Medien bereits über stereotaktische Eingriffe nachgedacht. Dies mag noch absurd erscheinen, aber bei einer anderen weit verbreiteten Sucht, der Fettsucht, hatten sich chirurgische Eingriffe aber auch etabliert. © rme/aerzteblatt.de
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.