Kortisonstoß vermindert Stressreaktion
Montag, 12. Februar 2007
Bielefeld - Eine einmalige hochdosierte Steroidgabe könnte empfindliche Personen vor posttraumatischen Stress- oder anderen Angstreaktionen schützen. Darauf deuten die Ergebnisse einer kleinen randomisierten kontrollierten Studie in Behavioral Neuroscience (2007: 121: 11-20) hin, die auch neue Einsichten in die Funktion der körpereigenen Glukokortikoide ermöglichen.
Chronischer Stress kann bekanntlich die Ausschüttung von Glukokortikoiden aus der Nebenniere steigern, was auf Dauer das Immunsystem schädigt und Depressionen verursacht. Was langfristig äußerst schädlich ist, könnte jedoch kurzfristig für den Körper von Nutzen sein, indem es dem Menschen hilft, eine stressbeladene Situation besser zu bewältigen.
Die Psychologen Serkan Het und Oliver Wolf von der Universität Bielefeld randomisierten 44 gesunde Frauen auf eine Einmalgabe von 30mg Cortisol p.o. oder Placebo, die eine Stunde vor einem Trier Social Stress Test (TSST) eingenommen wurden. Der TSST ähnelt ein wenig einem Bewerbungsgespräch, allerdings in einer verschärften Form mit besonders hohem Stressfaktor.
Zunächst wurden die Frauen aufgefordert, sich fünf Minuten zu ihrem Traumjob zu äußern und dabei ihre persönlichen Stärken und Schwächen herauszustellen. Im zweiten Teil mussten sie dann in einem Mathematiktest von einer hohen Zahl beginnend abwärts in 17-er Schritten subtrahieren. Verrechneten Sie sich, mussten sie von vorne beginnen. Bei beiden Abschnitten des TSST saßen die Probandinnen einem Komitee aus einem Mann und einer Frau gegenüber, die reserviert reagierten, ohne wirklich unfreundlich zu sein. Um die Situation noch unangenehmer zu gestalten, sprachen die Teilnehmerinnen in ein Mikrofon und von einer Ecke des Raums war eine Videokamera auf sie gerichtet.
Diesen Stress verkrafteten diejenigen Frauen, die vor dem Test Cortisol erhalten hatten, emotional deutlich besser als die Teilnehmerinnen im Placeboarm, berichten die Psychologen Het und Wolf, die das Gefühlsleben der Probanden regelmäßig mittels Fragebögen erforschten. Sie bestimmen mehrfach auch die Konzentrationen von Cortisol und Alpha-Amylase im Speichel. Die Alpha-Amylase war dabei ein Marker für die Stress-Aktivierung des Sympathikus. Sie fiel im Placeboarm kräftiger aus als nach der Cortisolgabe. Auch dies ist ein Hinweis, dass die Einmalgabe von Cortisol die Frauen schützte. Der Stress induzierte in der Kontrollgruppe auch die Freisetzung von Cortisol, die Konzentration im Speichel blieb jedoch um ein Vielfaches niedriger als nach der Cortisolgabe.
Damit stellt sich aus medizinischer Sicht die Frage, ob eine derart hohe Cortisolgabe wirklich sinnvoll wäre. Frühere Studien haben nach Angaben der Psychologen bereits gezeigt, dass auch niedrigere Cortisoldosen die Symptome einer posttraumatischen Stresserkrankung lindern können. Bei Personen mit sozialer Phobie konnte eine prä-expositionelle Therapie die Angstreaktion herabsetzen.
Die neue Studie belege erneut, dass eine Einmalgabe von Cortisol ein nützliches klinisches Werkzeug ist, meint die American Psychological Association in einer Pressemitteilung. Die Studie zeige, dass ein antizipatorischer Anstieg der Cortisolkonzentration vielen Personen helfen könnte, mit den negativen emotionalen Auswirkungen Stress zu bewältigen, schreibt Wolf, nach dessen Ansicht die Studienergebnisse für die Behandlung und Prävention von posttraumatischen Stressstörungen und anderen Angststörungen von Bedeutung sein könnten.
Wolf und auch die American Psychological Association betonen, dass dies nur für die Einmaltherapie gelte. Beide weisen auf die negativen gesundheitlichen Auswirkungen hin, die eine häufige Gabe von Cortisol hat. Keine Angaben macht die Studie, wie gut die Probandinnen den Test absolvierten. Denkbar wäre auch, dass ein wenig Prüfungsstress hilfreich ist. © rme/aerzteblatt.de
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