Spielsucht durch Dopaminagonisten
Dienstag, 13. Februar 2007
 |
| dpa |
Rochester/Toronto - Eine kuriose, aber pathophysiologisch plausible Nebenwirkungen von Dopaminagonisten ist die Induktion einer Spielsucht. Sie ist Gegenstand von zwei aktuellen Publikationen. Betroffen waren Patienten, die zur Behandlung des Morbus Parkinson und eines Restless-Legs-Syndrom Dopaminagonisten erhielten.
Dopaminagonisten lindern bei beiden Erkrankungen die Bewegungsstörungen, die mit einer verminderten Dopaminwirkung im Gehirn in Verbindung stehen. Dopamin ist jedoch nicht nur in den Basalganglien aktiv. An anderer Stelle ist es der zentrale Neurotransmitter im „Belohnungssystem“ des Gehirns. Die medikamentöse Stimulierung dieser Zentren kann Verhaltensweisen fördern, die gesellschaftlich nicht als opportun gelten und für die Patienten finanziell und auch gesundheitlich schädlich sein können. In der Literatur finden sich zahlreiche Berichte über Patienten, die kauf- oder spielsüchtig waren, eine Bulimie oder einen gesteigerten Sexualtrieb entwickelten.
Valerie Voon vom Toronto Western Hospital hat jetzt in einer Fall-Kontroll-Studie zu ermitteln versucht, welche Patienten besonders gefährdet sind. Dazu verglich sie 21 Parkinson-Patienten, die eine Spielsucht entwickelt hatten, mit 42 Patienten, die kein zwanghaftes Verhalten zeigten. Nach ihrer Publikation in den Archives of Neurology (2007; 64: 212-216) ist die Gefahr, unter der Therapie mit Dopaminagonisten eine Spielsucht zu entwickeln, bei jüngeren Patienten am höchsten. Betroffen sind aber auch solche, deren Charakter Psychologen als „novelty seeking“ bezeichnen.
Auch eine durch Medikamente induzierte Hypomanie oder Manie oder eine gestörte Fähigkeit zur Lebensplanung („impaired planning“) deuten auf ein erhöhtes Risiko hin, ebenso eine Alkoholstörung in der Eigenanamnese. Alle diese Eigenschaften umschreiben Persönlichkeiten mit einem erhöhten Suchtpotenzial, das offenbar durch die Therapie mit Dopaminagonisten gefördert wird. Das höhere Alter der meisten Parkinson-Patienten und die Bewegungsstörungen der Erkrankung mögen erklären, warum sie ihre Spielsucht in der Realität nur sehr selten ausleben.
Patienten, die wegen eines Restless-Legs-Syndroms behandelt werden, sind in der Regel jünger und agiler. Es wundert deshalb, warum bisher keine Fälle von Spielsucht bei diesen Patienten beschrieben wurden. Die niedrigere Dosierung der Dopaminagonisten könnte ein Grund sein. Doch jetzt beschreiben Maja Tippmann-Peikert und Mitarbeiter vom Mayo Clinic Sleep Disorders Center in Rochester in Neurology (2007; 68: 301-303) drei besonders schwere Fälle.
Eine der Patientinnen, die vorher nie gespielt hatte, verlor innerhalb kurzer Zeit 140.000 US-Dollar. Sie war zunächst mit Pramipexol behandelt worden, woraufhin sie sich von einem Spielcasino in der Nähe ihres Wohnortes magisch angezogen fühlte. Als die Dosis (wegen persistierender Symptome an den Beinen) gesteigert wurde, stiegen auch ihre Einsätze am Spieltisch. Der Wechsel auf Ropinirol brachte keine Erleichterung, ihre Spielsucht nahm sogar noch zu, sodass die Schlafmediziner schließlich auf den Nicht-Dopaminagonist Gabapentin wechselten.
Seither soll sie die Nebenwirkung, die sie so teuer zu stehen kam, nicht mehr verspüren. Die Schlafmediziner raten den Ärzten, bei der Verordnung von Dopaminagonisten auf diese mögliche Nebenwirkung zu achten, auch wenn drei Fälle keinen Aufschluss darüber geben, wie häufig die Störung ist. © rme/aerzteblatt.de
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.