Gene für Nikotinabhängigkeit
Donnerstag, 15. Februar 2007
St. Louis - Ob ein Raucher wirklich jederzeit sein Laster in den Griff bekommt, ist weniger eine Frage des starken Willens als der Gene, behaupten US-Forscher in Human Molecular Genetics (2007 16: 24-35 und 36-49).
Die meisten Raucher behaupten von sich, sie seien nicht abhängig und würden eigentlich nur in Gesellschaft rauchen, nach dem Essen oder um sich zu entspannen. Auf die erste Zigarette morgens würden sie ungern verzichten und ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen fänden sie skandalös. Antworten dieser Art stuft der Fagerström-Test als Anzeichen einer Nikotinabhängigkeit ein, die bei den meisten Rauchern besteht.
Und doch gibt es eine Gruppe von wenigen Personen, die wirklich nur dann und wann eine Zigarette rauchen, ohne jemals die Dosis zu steigern oder ein starkes Verlangen, das Craving, nach der nächsten Zigarette zu empfinden. Die Psychiaterin Laura Jean Bierut von der Washington University School of Medicine glaubt aber nicht, dass diese Menschen einen besonders gefestigten Charakter beweisen. Sie haben ihrer Ansicht nach einfach nur das Glück, die richtigen Gene geerbt zu haben.
Auf der Suche nach diesen Genen hat die Forschungsgruppe das gesamte menschliche Genom gescannt. Sie konnte dabei auf zwei größere Fall-Kontroll-Studien mit fast 2.000 Personen zurückgreifen, die mithilfe des Fagerström-Tests als abhängig oder nicht abhängig klassifiziert wurden. Dann wurde untersucht, ob bei den Abhängigen einige der 2,4 Millionen im menschlichen Erbgut bekannten Genvarianten (single nucleotide polymorphisms oder SNPs) bei den Abhängigen häufiger auftreten. Zunächst fanden sie mehr als 300 Kandidatengene. Doch nach und nach konnten sie deren Zahl senken.
In ihren Publikationen heben sie mehrere Gene hervor. Am stärksten sind die Signale in einer Variante des Gens für den alpha-5 nikotinischen cholinergen Rezeptor (CHRNA5). Sie war in der Studie mit einem zweifachen Risiko auf eine Abhängigkeit korreliert. CHRNA5 gehört zu einer Gruppe von Rezeptoren, die im Dopaminstoffwechsel eine Rolle spielt. Dopamin ist der zentrale Neurotransmitter für das Belohnungssystem im Gehirn, eines der Glückshormone, die eng an die Suchtentwicklung gekoppelt sind.
Ebenfalls für die Abhängigkeit wichtig ist der Rezeptor für den Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Beide GABA- und Nikotinrezeptoren werden seit langem mit der Tabakabhängigkeit in Verbindung gebracht. Die neuen Befunde stärken die Beziehung. Aber es könnten noch weitere Gene eine Rolle spielen. Eines kodiert Neurexin 1 (NRXN1), das im Gehirn das Gleichgewicht zwischen exzitatorischen und inhibitorischen Aktivität beeinflusst. Wieso dies die Nikotinabhängigkeit fördert, kann Frau Bierut nicht erklären. Sie glaubt auch nicht, dass bereits alle für die Suchtentwicklung relevanten Gene gefunden wurden. Die Forscher wollen deshalb ihre Suche fortsetzen.
Als nächster Schritt sind Versuche an gentechnisch modifizierten Mäusen geplant. Ihnen wollen die Forscher jene Variante von CHRNA5 ins Genom integrieren, die beim Menschen mit der Nikotinabhängigkeit assoziiert war. Auf diese Weise lassen sich vielleicht die pathophysiologischen Vorgänge klären, und eventuell Mittel und Wege finden, welche den Rauchern in Zukunft helfen könnten, ihre Abhängigkeit zu beenden. © rme/aerzteblatt.de
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