Eisen-Herz-Hypothese widerlegt: Aderlass schützt nicht vor Herzinfarkten
Donnerstag, 15. Februar 2007
White River Junction - Regelmäßige Phlebotomien schützten in einer randomisierten Studie Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) nicht vor Herzinfarkt, Schlaganfall oder dem Tod. Die Publikation im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2007; 297: 603-610) widerlegt die Eisen-Herz-Hypothese, die, wenn sie bestätigt worden wäre, zur Rückkehr einer mittelalterlichen Therapie geführt hätte: dem Aderlass.
Die Eisen-Herz-Hypothese war Anfang der 1980er-Jahre von dem US-Forscher Jerome Sullivan aufgestellt worden. Er erklärte damit, warum Frauen vor den Wechseljahren ein geringeres Herzinfarktrisiko haben als gleichaltrige Männer. Diese führte der Pathologe nicht wie andere Forscher auf den Einfluss ovarieller Östrogene zurück, sondern auf den monatlichen Blutverlust durch die Menstruation. Der damit einhergehende Eisenmangel schütze die Frauen vor einer Atherosklerose, behauptet Sullivan.
Möglicher Grund: Freies Eisen schädige durch die Bildung freier Radikale die Gefäße und leiste so der Atherosklerose Vorschub. So lautete verkürzt die moderne Begründung für den regelmäßigen Aderlass, der auch bei Männern die Blutgefäße jung erhalten soll. Ernstzunehmende epidemiologische Beweise gab es nicht, wie der Editorialist Frank Hu von der Harvard Universität jetzt im Editorial schreibt (JAMA 2007; 297: 639-641). Und den Gegenbeweis hatte vor zwei Jahren schon eine prospektive Beobachtungsstudie aus Dänemark geliefert, die bei Trägern des Gens C282Y der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose keine erhöhte Rate von Herzinfarkten nachweisen konnte.
Den Todesstoß erhält die Eisen-Herz-Hypothese jetzt durch die erste randomisierte kontrollierte Studie zum Thema. Zwischen Mai 1999 und April 2005 hatten 636 über 67-jährige US-Amerikaner mit pAVK sich regelmäßig einer „Eisenreduktion“ unterzogen. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als der aus dem Mittelalter bekannte Aderlass. Dessen Auswirkungen auf den Eisengehalt wurde allerdings mithilfe der modernen Labortechnologie kontrolliert. Ziel war ein Ferritinwert von 25ng/ml nach der Phlebotomie und ein Wert von maximal 60ng/ml vor der nächsten Phlebotomie. Dabei wurde darauf geachtet, dass die ja bereits betagten Teilnehmer keine Anämie entwickelten. Durchschnittlich ließen die Patienten zu Beginn der Studie 920 ml Blut und danach in jedem 6-Monatsintervall 411 ml.
Insgesamt 641 Patienten bildeten die Kontrollgruppe in dieser einfach geblindeten „Iron (Fe) and Atherosclerosis Study“ oder FeAST. Am Ende waren in der Kontrollgruppe 148 Patienten (23,1 Prozent) gestorben gegenüber 125 Patienten (19,7 Prozent), die regelmäßig zur Ader gelassen worden waren. Das ergibt für den primären Endpunkt „Tod“ eine Hazard Ratio von 0,85, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,67-1,08 nicht signifikant war. Auch im sekundären Endpunkt „Tod oder Herzinfarkt oder Schlaganfall“ oder für die Einzelentitäten „Herzinfarkt“ oder „Schlaganfall“ konnten Leo Zacharski vom Veteran Administration Medical Center in White River Junction und Mitarbeiter keine Vorteile der Phlebotomie entdecken. So dürfte denn die Aderlasstherapie keinen Einzug in die schulmedizinische Behandlung der pAVK erhalten.© rme/aerzteblatt.de
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