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Fischmahlzeiten während der Schwangerschaft: Gefahr oder Vorteile für die fetale Hirnentwicklung?

Freitag, 16. Februar 2007

Bethesda - Wegen der hohen Quecksilberbelastung in Meerestieren rät die amerikanische Arzneibehörde FDA Schwangeren vom Verzehr von mehr als zwei Fischmahlzeiten pro Woche ab. Eine Beobachtungsstudie im Lancet (2007; 369: 578-585) kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass dieser Ratschlag negative Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung der Kinder haben könnte.

Für die fetale Entwicklung des Gehirns werden ungesättigte Fettsäuren benötigt. Sie müssen, weil der Körper sie zum Teil nicht selbst synthetisieren kann, über die Nahrung der Schwangeren den Feten zugeführt werden. Eine reichhaltige Quelle ist Fisch, wie auch die spätere Muttermilch sehr reichhaltig an diesen essentiellen Fettsäuren ist. Deshalb wurde Schwangeren früher zu Fischmahlzeiten geraten. Seit den Katastrophen von Minamata und Niigata, wo in den 1950er- und 1960er-Jahren Schwangere nach dem Verzehr von quecksilberverseuchten Fischen schwerstbehinderte Kinder zur Welt brachten, raten viele Ernährungsexperten Schwangeren von Fisch eher ab.

Fische sind heute weltweit mit Quecksilber kontaminiert. Bei den meisten Spezies ist die Belastung gering. Das Schwermetall reichert sich aber in der maritimen Nahrungskette an und kann in Raubfischen hohe Konzentrationen erreichen. Viele Experten halten deshalb den Verzehr von Raubfischen (zum Beispiel Haifisch, Schwertfisch, Makrele oder Barsche) während der Schwangerschaft für bedenklich im Hinblick auf die fetale Entwicklung. Im März 2004 veröffentlichte die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA sogar eine Gesundheitswarnung. Schwangere, aber auch „Frauen, die schwanger werden könnten“, sollten keinesfalls mehr als 12 Unzen (340 Gramm) Fisch pro Woche verzehren, was etwa zwei Fischmahlzeiten pro Woche entspricht.

Diese Warnung ist jedoch wegen der genannten positiven Eigenschaften von Fisch umstritten. Joseph Hibbeln vom National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism in Bethesda hält ihn sogar für kontraproduktiv. Zum Beleg führt er eine Analyse der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC)-Studie an. In der Region Avon bei Bristol wurden 1991/1992 11.875 Schwangere unter anderem nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Ihre später geborenen Kinder werden seit der Geburt regelmäßig nachbeobachtet. Im Alter von 8 Jahren wurde eine gründliche Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten durchgeführt.

Dabei zeigte sich, dass die Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft reichlich Fisch gegessen hatten, den anderen Kindern in vielen Bereichen voraus waren. In den Tests zur Feinmotorik, zur Kommunikation und zu den sozialen Fähigkeiten waren sie weiter als die Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft keinen Fisch verzehrt hatten. Sehr deutlich waren auch die Unterschiede im Intelligenzquotienten. Wenn die Mütter weniger als 340 Gramm Fisch pro Woche verzehrt hatten, waren die Kinder zu 9 Prozent häufiger im unteren Viertel der IQ-Werte (Odds Ratio 1,09; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,92-1,29), wenn die Mütter gar kein Fisch gegessen hatten, gehörten die Achtjährigen zu 48 Prozent häufiger zu den Intelligentesten Viertel (Odds Ratio 1,48; 1,16-1,90).

Beobachtungsstudien können sehr trügerisch sein. So ist bekannt, dass Kinder aus Familien mit günstigerem sozialen Hintergrund ebenfalls einen Entwicklungsvorsprung haben, was vielfältige Ursachen haben kann. Die gesündere Ernährung (mit häufigeren Fischmahlzeiten) in diesen sozialen Schichten ist nur einer davon. Die große Fallzahl und die sorgfältige Befragung und Untersuchung der Schwangeren ermöglichte es den Forschern,  28  Störfaktoren in ihre Rechnung einfließen zu lassen. Es bleiben aber Unsicherheitsfaktoren. Da aber keines der Ergebnisse auf eine erhöhte Gefährdung der Kinder durch Fischmahlzeiten der Schwangeren hinweist, scheint nach Ansicht der Forscher die Warnung der FDA unangemessen zu sein, wenn sie nicht sogar schädliche Auswirkungen habe. © rme/aerzteblatt.de

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