Wissenschaftsbetrug: Zweifel an Hochdosis-Mannitol-Studien zum Schädelhirntrauma
Freitag, 23. Februar 2007
London - Alle drei randomisierten kontrollierten Studien, auf die sich die hochdosierte Mannitolbehandlung beim schweren Schädelhirntrauma stützt, sind möglicherweise gar nicht durchgeführt worden. Dies vermuten Wissenschaftler im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2007; 334: 392-394), die ihren Verdacht nicht abschließend klären können, da der Hauptautor nicht mehr lebt.
Mannitol (oder Mannit) ist eine etablierte Behandlung beim schweren Schädelhirntrauma. Durch seine osmotische Wirkung soll der Zuckeraustauschstoff das Ausmaß des Hirnödems begrenzen, das durch die intrakranielle Drucksteigerung die Hirnzellen zu zerstören droht. Der brasilianische Neurochirurg Julio Cruz hat vor Jahren vorgeschlagen, die Dosis von Mannitol deutlich zu erhöhen. Statt 0,7 g/kg Körpergewicht behandelte Cruz in drei randomisierten kontrollierten Studien einen Teil der Patienten mit der doppelten Dosis von 1,4 g/kg Körpergewicht, was zu einer deutlichen Verbesserung der klinischen Ergebnisse führte.
Mortalität und Behinderungen nach sechs Monaten sollten deutlich niedriger sein als unter der Therapie mit der normalen Dosierung. Diese Ergebnisse erregten die Aufmerksamkeit einer Arbeitsgruppe der Cochrane Collaboration, die an der Überarbeitung ihrer Empfehlungen arbeitete. Deren Leiter Ian Robert von der London School of Hygiene and Tropical Medicine versuchte, Kontakt mit Cruz aufzunehmen, musste aber feststellen, dass dieser sich 2005 das Leben genommen hatte. Daraufhin wurden die Ko-Autoren kontaktiert, die alle mitteilten, dass sie keine eigenen Patienten zu den Studien beigetragen hätten. Danach versuchte Roberts die Klinik von Cruz an der Universität Sao Paulo zu erreichen, musste aber feststellen, dass das “Comprehensive International Center for Neuroemergencies” offenbar nur eine Briefkastenfirma ist. Roberts hegt deshalb den berechtigten Verdacht, dass Cruz die Daten manipuliert haben könnte, was niemandem auffiel.
Weder die Co-Autoren noch die Herausgeber des Journals schöpften Verdacht, auch wenn ein Editorialist im Journal of Neurosurgery dringend empfohlen hatte, die Ergebnisse in multizentrischen Studien zu überprüfen. Bis jetzt wurden die Studien nicht zurückgezogen, was Charles Young und Fiona Godlee von BMJ in einem begleitenden Editorial (BMJ 2007; 334: 378-379) heftig kritisieren. Nicht nur würden Ärzte weiterhin ihre Behandlung auf eine möglicherweise gar nicht vorhandene Evidenz stützen, es würden auch Wissenschaftler davon abgehalten, eine möglicherweise sinnvolle Therapie weiter zu untersuchen, da bereits randomisierte kontrollierte Studien existierten. © rme/aerzteblatt.de
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