UN-Behörde warnt vor gefälschten Medikamenten – Zunehmend illegaler Handel mit rezeptierten Medikamenten
Donnerstag, 1. März 2007
Wien - Die Erfolge der Drogenkontrolleure haben dazu geführt, dass immer mehr Drogenkonsumenten auf verschreibungsfähige Medikamente ausweichen. Hier hat sich in den letzten Jahren ein schwunghafter illegaler Handel entwickelt, heißt es im Jahresbericht des International Narcotics Control Board (INCB). Dort wird auch vor den Risiken einer zunehmenden Zahl von Medikamentenfälschungen gewarnt.
Der illegale Handel mit Medikamenten nehme immer schlimmere Formen an, beklagt Philip Emafo, der Leiter der in Wien ansässigen Behörde, welche die UN-Konvention zu Narkotika überwacht. In vielen Entwicklungsländern könnten Narkotika (also Opiate), Benzodiazepine, Amphetamine und andere Medikamente fast an jeder Straßenecke gekauft werden. In den Industrieländern habe sich ein Netz illegaler Apotheken entwickelt, welche die Mittel ohne die notwendigen Rezepte abgebe. Hier hat das Internet zunehmend den Straßenverkauf übernommen.
Die Präferenzen der Konsumenten sind international sehr verschieden. In den USA bevorzugen Schüler und Studenten Oxycodon und Hydrocodon. In Nigeria ist Pentazocin gefragt, in Indien wird Buprenorphin gespritzt, in Frankreich und skandinavischen Ländern wird der gleiche Wirkstoff in Tablettenform bevorzugt. In Frankreich sollen 20 bis 25 Prozent der gesamten Verordnungen von Buprenorphin in den illegalen Markt abgezweigt werden. In Skandinavien besteht weiter eine starke Nachfrage nach Flunitrazepam, berichtet die Behörde.
Nicht immer kann die Nachfrage durch das Abzweigen von rezeptierten Medikamenten in den illegalen Handel befriedigt werden. Dann treten Fälscher auf den Plan. In einigen Entwicklungsländern sollen bis zur Hälfte aller Medikamente Fälschungen sein. Aber auch in den Industrieländern kann der Drogenkonsument sich nicht auf die Angaben auf den Packungen verlassen. In Skandinavien soll viel gefälschtes Flunitrazepam auf den Markt gekommen sein. In den USA hat die ungestillte Nachfrage nach Oxycodon dazu geführt, dass Mittel mit dem sehr leicht überdosierbaren Fentanyl auf den Markt gelangten.
Ein zunehmendes Problem sieht die INCB auch im Missbrauch von Anorektika durch jüngere Frauen, die dem Schlankheitswahn der Supermodels durch Einnahme von Phentermin, Fenproporex, Amfepramon, Mazindol oder Phendimetrazin nacheiferten. Diese Mittel würden häufig in Brasilien, Argentinien, Südkorea, USA, Singapur und Hongkong missbraucht.
Die INCB kritisiert die starke Verbreitung von Marihuana in Europa sowie die Tendenz einzelner Länder, den Konsum zu entkriminalisieren. Auch die Bereitstellung von Räumen für einen sicheren Konsum etwa von i.-v.-Drogen betrachtet die INCB als Verstoß gegen internationale Vereinbarungen. Europa habe sich zum weltweit zweitgrößten Markt für Kokain entwickelt. Die illegale Herstellung von Ecstacy habe ebenfalls zugenommen. In Europa sei es nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge, die immer häufiger auch in Osteuropa hergestellt wird. Dort nimmt auch der Heroinkonsum zu, vor allem auf der Balkanroute Richtung Afghanistan, wo nach Recherchen der INCB der Anbau von Schlafmohn wieder zugenommen hat. © rme/aerzteblatt.de
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