Neue Aids-Medikamente in Sicht – Positive Ergebnisse zu CCR5-Blocker und Integrase-Inhibitor
Samstag, 3. März 2007
Los Angeles - Die Möglichkeiten zur Behandlung von HIV-Infektionen dürften demnächst um zwei Medikamente mit neuartigen Wirkungsmechanismen erweitert werden. Dafür sprechen die jüngsten Ergebnisse zu dem CCR5-Blocker Maraviroc und dem Integrase-Inhibitor MK-0518, die jetzt auf der Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections (CROI 2007) in Los Angeles vorgestellt wurden.
Das oral verfügbare Maraviroc antagonisiert den Ko-Rezeptor CCR5 auf der Oberfläche von CD4-Zellen. Der Wirkstoff greift also nicht das Virus selbst an. Sein Ansatzpunkt liegt vielmehr auf der Oberfaläche der Zielzelle. Der Rezeptor CCR5 ist eine der Eintrittspforten in die Zelle. Er wurde 1996 entdeckt und erlangte bald einen hohen Bekanntheitsgrad. Varianten dieses Rezeptors erklären nämlich, warum einige, wenn auch sehr wenige Menschen (etwa ein Prozent der Bevölkerung), nach einer HIV-Infektion keine schwere Immunschwäche entwickeln. Diese Varianten verhindern den Eintritt des Virus in die Zelle. Maraviroc soll die gleiche Rolle übernehmen. Er versperrt dem Virus gewissermaßen den Weg. Allerdings wirkt Maraviroc nur gegen eine gewisse Form der HI-Viren, den CCR5-tropen oder R5-Viren. Andere Stämme kommen auf anderen Wegen in die Zelle. Bei ihnen ist Maraviroc wertlos.
Auf der CROI 2007 stellte der Hersteller Pfizer jetzt die Ergebnisse der beiden „Maraviroc plus Optimized Therapy In Viremic Antiretroviral Treatment-Experienced patients“ oder MOTIVATE-Studien vor. Maraviroc wurde über 24 Wochen an Patienten erprobt, die mit R5-Viren infiziert waren. Vor Therapiebeginn hatten die Patienten eine Viruslast von wenigstens 5.000 Kopien/ml und einen medianen CD4-Wert von 150-182 Zellen/ml.
Die Patienten wurden im Verhältnis 1:2:2 auf eine Placebo oder Maraviroc in zwei unterschiedlichen Dosierungen (300 mg einmal oder zweimal täglich randomisiert). Die Behandlung erfolgte zusätzlich zu einer optimalen Hintergrundtherapie mit drei bis sechs anderen antiretroviralen Medikamenten. Nach den vorgestellten Daten hat Maraviroc die Reduktion der Viruslast signifikant verbessert. Bereits bei der einmal täglichen Dosierung wurden die Viruslast bei 46 bzw. 42 Prozent der Patienten (MOTIVATE 1 oder 2) unter die Nachweisgrenze (50 Kopien/ml) gedrückt (gegenüber 21 bzw. 25 Prozent im Placebo-Arm). Die CD4-Zahlen stiegen ebenfalls deutlich an.
In MOTIVATE 1 kam es jedoch auch zu einer erhöhten Rate von Abbrüchen (4,9 in der Einmaldosierung vs. 2,2 Prozent unter Placebo) und die Zahl der Todesfälle war höher (4 in der Einmaldosierung vs. 0 unter Placebo). Der Hersteller gab sich gegenüber der Presse optimistisch, dass die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA das Medikament noch in diesem Jahr zulassen werde. Die Entscheidung dürfte nach einem Beratertreffen (Advisory Panel) am 24. April fallen.
Auch der Mitbewerber Merck (in Deutschland MSD) gab sich gegenüber der Presse zuversichtlich. Die Firma hat einen Integrase-Inhibitor entwickelt. Die Integrase ist ein viruskodiertes Enzym, mit dessen Hilfe das Virusgenom im Erbgut der infizierten Zellen integriert wird, sodass es jederzeit abgelesen werden kann. Dadurch werden die HI-Viren solange produziert, bis die C4-Zellen vernichtet sind. Merck hat MK-0518 in zwei Phase III-Studien (BENCHMRK 1 und 2) prüfen lassen, in denen 462 Patienten MK-0518 (400 mg zweimal täglich) und 237 Patienten Placebo über einen Zeitraum von 24 Wochen zusätzlich zu einer optimalen Hintergrundtherapie erhielten.
Bei den Patienten, bei denen bereits drei frühere Regime versagt hatten, verdoppelte der Integrase-Inhibitor den Anteil der Patienten, bei denen die Viruslast unter die Nachweisgrenze (50 Kopien/ml) gedrückt wurde (61 vs. 33 Prozent in BENCHMRK 1; 62 vs. 36 in BENCHMRK 2). Auch die CD-Werte stiegen in beiden Gruppen an. Die Verträglichkeit soll im “im allgemeinen gut” gewesen sein. Ein letztes Wort dürfte hier ebenfalls die FDA haben. Der Hersteller kündigt an, noch vor dem 1. Juli einen Antrag auf Zulassung zu stellen.
Auch Gilead Sciences soll einen oralen Integrase-Inhibitor in der Entwicklung haben, der aber noch 18 Monate bis 2 Jahre vor der Einführung stehe. ©rme/aerzteblatt.de
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