Mammakarzinom: Schichtspezifische Diagnosen, Therapien und Mortalitäten
Donnerstag, 8. März 2007
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Leeds - In ländlichen Regionen Englands werden Mammakarzinome bei Frauen mit depriviertem sozioökonomischen Hintergrund später diagnostisiert als in affluenten Kreisen. Die Studie im British Journal of Cancer (2007; 96: 836-840) zeigt auch, dass die Frauen – bei gleichem Tumorstadium – in der Therapie zu kurz kommen, was sich im Ergebnis in einer erhöhten Sterblichkeit bemerkbar macht.
Während man in Deutschland inzwischen ungern die Bezeichnung „Unterschicht“ verwendet, haben britische Soziologen ein Instrument entwickelt, mit dem sich Angehörige des „abgehängten Prekariats“ in anonymen Datenbanken erkennen lassen. Der „Townsend Deprivation Index“ benötigt, um Personen bestimmten Schichten zuzuordnen, nur vier Variablen, die bei der letzten Volkszählung des Jahres 1991 erhoben wurden. Dies sind der Anteil der Arbeitslosen unter den Erwerbsfähigen, der Anteil der Haushalte ohne Auto, der Anteil der Bewohner, der in Mietwohnungen lebt, und der Anteil der Wohnungen mit mehr Bewohnern als Zimmer: Je höher – jeweils auf einen Stadtteil bezogen – diese Anteile sind, desto niedriger ist der sozioökonomische Status. Dieses Instrument ist verlässlich, weil in England – vielleicht noch mehr als hierzulande – Bewohner der gleichen Sozialschicht in denselben Wohnvierteln wohnen, was die Soziologen als Segregation bezeichnen.
Die Gruppe um David Forman von der Universität Leeds hat für die gemeinnützige Stiftung Cancer Research UK untersucht, ob die soziale Schicht einen Einfluss auf die Diagnose und Therapie von Mammakarzinomen hat. Ausgangsmaterial waren die Daten von 1.768 Brustkrebspatientinnen, die von 1998 bis 2000 einem regionalen Krebsregister gemeldet wurden.
Zunächst fiel auf, dass Frauen aus sozial schwachen Schichten zu 13 Prozent häufiger in einem fortgeschrittenen Stadium III oder IV diagnostiziert wurden, in dem die Heilungschancen deutlich vermindert sind. Eine plausible Erklärung wäre wohl die geringere Inanspruchnahme der Mammographie oder eine vermehrte Ignoranz gegenüber der Selbstuntersuchung der Brust in der Unterschicht. Dies wird von den Autoren in der Pressemitteilung nicht näher thematisiert.
Auch wenn man diese Verspätung der Diagnose berücksichtigt, waren Frauen aus der sogenannten Unterschicht auch in der Therapie benachteiligt. Eine brusterhaltende Therapie wurde mit einem Anteil von 31 Prozent in der Unterschicht seltener als in der Oberschicht durchgeführt, wo der Anteil dieser Lumpektomien bei 40 Prozent lag. Während sich dies nicht auf die Prognose der Patienten ausgewirkt haben dürfte – beide Operationsverfahren sind hier gleichwertig – kann dies von zwei anderen therapeutischen Interventionen nicht behauptet werden.
Bei 23 Prozent der Frauen aus der Unterschicht, aber nur bei 13 Prozent in der Oberschicht wurde ganz auf eine Operation verzichtet. Dies dürfte zwar zum großen Teil durch das spätere Tumorstadium erklärlich sein, aber nicht nur: Nach Berücksichtigung von Alter und Stadium bliebt eine um 15 Prozent niedrigere Operationsrate in der Unterschicht bestehen: Odds Ratio 0,85 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,80-0,91).
Eine Benachteiligung gab es auch bei der Radiotherapie. Sie kam in der Unterschicht zu 9 Prozent seltener zur Anwendung (OR 0,91; 0,88-0,94). Auch dies könnte Folge einer Ignoranz der Betroffenen sein. Forman vermutet aber, dass Frauen aus der ländlichen Unterschicht wegen oft langer Anfahrtswege und den damit verbundenen Kosten auf die Radiotherapie verzichten, bei der viele Termine einzuhalten sind. Welche Gründe auch ausschlaggebend sind: Die Konsequenz ist eine um 8 Prozent erhöhte Sterblichkeit.
Diese alters- und stadiumadjustierte Hazard Ratio von 1,08 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,05 bis 1,11, wie auch alle anderen in der Studie erhobenen Werte, statistisch signifikant. Die Cancer Research UK nutzte die Gelegenheit, um noch einmal für die Mammographie zu werben, die alle Frauen ab 50 Jahren in Anspruch nehmen sollten, damit die Tumoren nach Möglichkeit in einem frühen Stadium diagnostiziert werden könnten. © rme/aerzteblatt.de
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