Adipositas: Wernicke-Enzephalopathie durch bariatrische Operationen
Dienstag, 13. März 2007
Winston-Salem - Die Wernicke-Enzephalopathie, Ärzten als Folge eines schweren chronischen Alkoholabusus bekannt, kann auch nach bariatrischen Operationen auftreten – und zwar als relativ kurzfristige Komplikation. Sie entwickelt sich unter Umständen innerhalb weniger Wochen und droht insbesondere, wenn Patienten häufig erbrechen oder ihre verordneten Vitamine nicht einnehmen. Davor warnen Neurologen in einer Übersicht in Neurology (2007; 68: 807-811).
Die Trias aus Bewusstseinstörungen/Desorientiertheit, Augenmuskelstörungen und Gangataxie weist auf einen schweren Mangel an Vitamin B1 (Thiamin) hin, der eine schnellstmögliche (in der Regel intravenöse) Vitaminsubstitution erforderlich macht. Denn die Hirnschäden, im Kernspin häufig zu erkennen an hyperintensen Signalen in bestimmten Hirnarealen (zum Beispiel) periaquäduktale graue Substanz, Corpora mamillaria, dorsaler medialer Nukleus des Thalamus) sind lebensgefährlich. Bislang trat die Störung vor allem bei chronischen Alkoholikern auf.
Doch nach Ansicht von Sonal Singh von der Wake Forest Universität in Winston-Salem, ist es ratsam, auch bei Patienten nach bariatrischen Operationen darauf zu achten, denn die Resorption von Thiamin, die vor allem im proximalen Dünndarm erfolgt, kann nach dem Eingriff gestört sein. Dies gelte vor allem bei Patienten, die häufig erbrechen, weil sie sich noch nicht an die kleinen Portionen gewöhnt haben, die der stark verkleinerte Magen erfordert.
Dann kommt es relativ schnell zu einem akuten Thiaminmangel. Bei den 23 Patienten (davon 27 Frauen), die Singh in einer Datenbankrecherche ermittelte, traten die Symptome in der Regel zwei bis 12 Wochen nach der Operation auf. Es wurde aber ein Patient beschrieben, der erst nach 18 Monaten symptomatisch wurde. Die Beschwerden manifestierten sich keineswegs immer als klassische Wernicke-Trias. Die Ärzte sollten auch auf andere neurologische Zeichen achten. Longh nennt Optikus-Neuropathie, Papillenödem, Taubheit, Krampfanfälle, körperliche Schwäche sowie sensorische oder motorische Neuropathien. Ein prädisponierender Faktor war in den meisten Fällen ein häufiges Erbrechen der Patienten.
Von den 32 Patienten erholten sich 13 vollständig, bei den anderen blieben Gedächtnisproblem, körperliche Schwäche oder Koordinationsprobleme als Langzeitfolgen zurück. Eine bedenkliche Folge nach einer Operation, die ohne akute Not und oft sicherlich aus rein kosmetischen Gründen durchgeführt wird. Die geringe Fallzahl von 32 Patienten sollte nicht täuschen. Oft häufen sich die Diagnosen, wenn Ärzte durch Publikationen auf mögliche Komplikationen hingewiesen werden. Andererseits werden bereits so viele bariatrische Eingriffe – mehr als 170.000 Operationen allein in den USA im Jahr 2005 – durchgeführt, dass es überraschen würde, wenn die Wernicke-Enzephalopathie eine häufige bisher übersehene Komplikation sein sollte. © rme/aerzteblatt.de
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