ICD-Entladung durch Diebstahlsicherung – Studie zur Patienten-Gefährdung durch elektronische Geräte
Dienstag, 13. März 2007
Rochester - Elektronische Diebstahlsicherungen, die sich heute in jedem Kaufhaus und Supermarkt befinden, können bei implantierbaren Defibrillatoren (ICD) Entladungen auslösen oder Herzschrittmacher ausschalten. Über zwei Fälle berichten US-Kardiologen in den Mayo Clinic Proceedings. In einem anderen Fall störte ein CD-Player eine Langzeit-EKG-Aufzeichnung. Das Gefährdungspotential von Handys und PDAs war dagegen in einer Expositionsstudie gleich Null.
Der 71-jährige Mann, über den der Kardiologe Rod Gimbel aus Knoxville im US-Staat Tennessee berichtet, hatte sich an der Kasse eines Einzelhandelsgeschäfts nur kurz zwischen den beiden Detektorbögen eines EAS-Systems aufgehalten, während der Kassenbon gedruckt wurde. Innerhalb von 30 Sekunden trafen ihn gleich zwei elektrische Schläge. Die Entladungen gingen nicht von den Detektorbögen aus, sondern von einem biventrikulären ICD, der dem Patienten zum Schutz vor tödlichen Herzrhythmusstörungen implantiert worden war. Doch die vom EAS-System ausgehenden Interferenzen waren nach Ansicht von Gimpel Schuld an der Fehlfunktion des ICDs, obwohl diese Geräte heute eigentlich gegen äußere elektromagnetische Felder abgeschirmt sind (Mayo Clinic Proceedings 2007; 82: 318-322).
Die 76-jährige Frau, der wegen Vorhofflimmerns nach ablativer Therapie ein Herzschrittmacher eingesetzt worden war, kollabierte am Ausgang eines Geschäftes gleich fünfmal. Jedes Mal, als sie um Hilfe gerufen hatte, war sie vom Personal, damit sie sich erhole, erneut gegen den Sockel des EAS-Detektorbogens gelehnt worden. Erst als sie mit dem Krankenwagen in die nächste Klinik gefahren wurde, ging es ihr wieder besser. In der Klinik wurden die im Gerät gespeicherten Tachykardien (Frequenz 200/Minute) abgelesen. Die EKG-Aufzeichnung war von einem hochfrequenten Störsignal überlagert. Für Gimpel ein Beweis dafür, dass das EAS-System die Ursache für die technische Störung des Herzschrittmachers war.
Bei einer 20-jährigen Teilnehmerin einer Medikamentenstudie zeichnete ein portables EKG jedes Mal eine Herzfrequenz von 333 pro Minute auf, wenn sie ihren CD-Walkman gestartet hatte. Ursache war aber nicht etwa eine durch ratternde Techno-Rhythmen induzierte Tachykardie, sondern eine Interferenz mit der CD, die sich in den Geräten zwischen 200 und 530 Mal pro Minute dreht. Die Frau hatte den Walkman in der Nähe der EKG-Elektroden gehalten. Nach dem Ausschalten des Gerätes hatte sie bei den späteren Expositionsversuchen im Labor jeweils wieder einen Sinusrhythmus. Anhand der EKG-Aufzeichnungen konnten Stephen Austin von der Covance Clinical Research Unit in Madison/Wisconsin übrigens abschätzen, welches Lied die Frau gehört hatte. Bei 333 Umdrehungen pro Minute musste es sich um einen Song ungefähr auf der Hälfte der CD-Aufzeichnung gehandelt haben (Mayo Clinic Proceedings 2007; 82: 383-384).
Sind dies Einzelfälle oder geht von der zunehmenden Zahl von Geräten in unserer Alltagswelt, die von elektromagnetischen Feldern umgeben sind, ernsthaft eine Gefahr aus? Am meisten gefährdet wären wohl Klinikpatienten, die vor allem auf Intensivstationen von einer Reihe von Geräten mit elektronischer Steuerung betreut werden. Vor drei Jahren hatten Jeffrey Tri und Mitarbeiter schon einmal untersucht, ob angeschaltete Handys sich auf die Funktion medizinischer Geräte auswirken.
Sie konnten bei 44 Prozent der Geräte Interferenzen nachweisen, die bei 2 Prozent klinisch relevante Störungen verursachten – allerdings nur, wenn sich die Geräte in unmittelbare Nähe eines genutzten Handys befanden. Neuere Geräte waren weniger störanfällig. Anfang letzten Jahren haben die Forscher ihre Versuche wiederholt und dieses Mal auch PDAs mit drahtloser Übertragung (zum Beispiel Blueberry) in die Studie einbezogen. Auch in der Nähe von kritischen Geräten wie Infusionspumpen, Überwachungsmonitoren oder Beatmungsgeräte fanden sie in keinem Fall eine Störung (Mayo Clinic Proceedings 2007; 82: 282-285).
Zumindest für die neueren Geräte geben Tri und Mitarbeiter deshalb Entwarnung, übrigens sehr zur Erleichterung der Ärzte, die zunehmend Blueberrys (oder anderer Fabrikate) für ihre Arbeit benutzen. Allerdings bleibt ein Restrisiko meint der Editorialist John Abenstein von der Mayo Clinic in Rochester. Er vermisst klare Anforderungen der Zulassungsbehörde FDA an die Hersteller der medizinischen Geräte (Mayo Clinic Proceedings 2007; 82: 276-278). © rme/aerzteblatt.de
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.