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Bioethiker: Computerprogramm könnte Ärzten bei kritischen Therapieentscheidungen helfen

Mittwoch, 14. März 2007

Bethesda - Wenn keine Patientenverfügung vorliegt, wenden sich die Ärzte bei kritischen Therapieentscheidungen häufig an die Angehörigen. Nach Ansicht von US-Ethikern könnte ein Computerprogramm, dass sie in der Public Library of Science Medicine (2007; 4: e35) vorschlagen, die Absichten der nicht einwilligungsfähigen Patienten möglicherweise besser erkennen.

Die Entscheidungen von Angehörigen müssen nicht unbedingt dem Willen der Patienten entsprechen, schreibt David Wendler vom National Institutes of Health Department of Clinical Bioethics. Besser sei es, sich auf die Ansicht von Personen zu stützen, die den gleichen Lebenshintergrund haben wie die betroffenen Patienten.

Wenn also die Frage anstehe, ob ein gebürtiger männlicher US-Amerikaner im Alter von 70 Jahren mit hohem Bildungsniveau, der an einer schweren Alzheimer-Demenz leidet, im Fall einer Pneumonie mit Antibiotika behandelt wird, dann sollten nicht die Kinder gefragt werden, sondern eine Gruppe von gebürtigen männlichen US-Amerikanern im Alter von 70 Jahren mit hohem Bildungsniveau, die keine Demenz haben und deshalb Auskunft geben könnten, wie sie in einem solchen Fall behandelt werden möchten. Da es aber unmöglich ist, bei jedem Patienten eine größere Gruppe von Personen zu befragen, könnte ein „bevölkerungsbasierter Behandlungsindikator“ Auskunft geben. Konkret handelt es sich um ein Computerprogramm, das vorher mit den Daten ausführlicher Bevölkerungsumfragen gefüttert werden müsste.

Wendler ist bewusst, dass nicht alle gebürtigen männlichen US-Amerikaner im Alter von 70 Jahren mit hohem Bildungsniveau, um im Beispiel zu bleiben, sich im Fall von Demenz und Pneumonie gleich entscheiden würden. Fehler seien unvermeidbar. Dies treffe aber auch dann zu, wenn man sich auf die Einschätzung der Angehörigen verlasse. Im letzten Jahr war Wendler in den systematischen Studienübersichten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Angehörigen als „Surrogat-Entscheider“ nur in 68 Prozent die Präferenzen der Patienten richtig erkennen. In den der Übersicht zugrunde liegenden Studien waren (noch entscheidungsfähige) Patienten und Angehörige zu fiktiven Szenarien befragt worden. 

Jetzt stellt Wendler einen Prototyp seines „bevölkerungsbasierten Behandlungsindikators“ vor. Er konnte mangels detaillierter Studien nur mit sehr allgemeinen Daten gefüttert werden, welche die US-Bevölkerung im Allgemeinen reflektieren, und nicht etwa die Präferenzen des modellhaft genannten gebürtigen männlichen US-Amerikaners. Dennoch traf der anonyme Computer die Präferenzen der Patienten ebenso häufig wie die Angehörigen. 

Wendler vertritt die Ansicht, dass die Genauigkeit seines „bevölkerungsbasierten Behandlungsindikators“ noch deutlich verbessert werden könne, wenn die notwendigen Umfragen vorlägen. Dann könnte der Computer die Entscheidung der Angehörigen ergänzen oder gegebenenfalls sogar ersetzen. Dies würde jedoch in den meisten Ländern eine Änderung der gesetzlichen Bestimmungen voraussetzen und man kann leicht vorhersagen, dass die Akzeptanz einer Entscheidung durch den Computer in weiten Bevölkerungskreisen nicht sehr hoch wäre, selbst wenn Wendler die Überlegenheit in weiteren Studien beweisen könnte. © rme/aerzteblatt.de

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