Medizin

Rangliste: Alkohol und Tabak gefährlicher als Cannabis, LSD und Ecstacy?

Freitag, 23. März 2007

Bristol - Von den beiden mit Abstand am häufigsten konsumierten Genussmitteln Alkohol und Zigaretten geht nach Ansicht britischer Experten eine größere Gefahr aus als von etlichen illegalen Drogen. Im  Lancet (2007; 369: 1047-1053) publizierten sie eine Rangliste, die sie für evidenzbasierter halten als die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen.

Die heutigen Klassifikationssysteme sind nach Einschätzung von David Nutt von der Universität Bristol und Mitarbeitern das Ergebnis einer über fast ein Jahrhundert erfolgten „unsystematischen Beurteilung“ der Gefahren durch „wechselnde Expertengruppen“, denen „Informationen schwankender Qualität und Quantität“ zur Verfügung standen. Die Folge: Eigentlich könne heute niemand erklären, warum nach der britischen Gesetzgebung Heroin und Kokain strafrechtlich auf der gleichen Stufe stehen wie Ecstasy, LSD oder der Handel mit psychedelischen Pilzen.

Die Forscher unternahmen deshalb den Versuch, die Bewertung auf eine besser nachvollziehbare Basis zu stellen. Dazu benannten sie drei Kriterien, welche allgemein anerkannt das Gefährdungspotenzial durch Drogen umschreiben. Dies sind die ausgelösten körperlichen Schäden, die Induktion einer Abhängigkeit und drittens die sozialen Auswirkungen, die der Drogenkonsum auf die Familie, den Bekanntenkreis und die Gesellschaft hat.

In jeder Kategorie wurden wiederum drei Parameter bestimmt: Bei den körperlichen Schäden wurden akute, chronische und die Folgen eines intravenösen Konsums unterschieden. Bei der Abhängigkeit wurden Intensität des Drogenrausches, psychische und körperliche Abhängigkeit getrennt betrachtet. Bei den sozialen Folgen wurden die Auswirkungen der Intoxikationen, andere soziale Folgen und die Gesundheitskosten differenziert. 

Insgesamt gab es also neun Kategorien für die Schädlichkeit der Drogen. Eine Reihe von mit dem Drogenproblem befasste Fachleuten – von Chemikern, Pharmakologen, Gerichtsmedizinern bis zu Psychiatern, Drogenberaten und Ärzten – wurden dann gebeten, eine Reihe von 20 Drogen in jeder der neun Kategorien mit 0 bis 3 Punkten zu bewerten.

Das ergab dann eine Reihenfolge, die in den nächsten Wochen und Monaten für Gesprächsstoff sorgen dürfte. Die Spitzenplätze belegten zwar Heroin und Kokain, was niemand bezweifelt, gefolgt von Barbituraten und Straßen-Methadon, auch hier herrscht Konsens. Auf Rang 5 folgte jedoch bereits Alkohol, der in den meisten Ländern, wenigstens bei Erwachsenen keinerlei gesetzlichen Restriktionen unterliegt. Es folgen Ketamin und Benzodiazapine, fast gleich auf mit den im allgemeinen als gefährlicher eingestuften Amphetaminen.

Auf Position 9 folgt Tabak, das im Sprachgebrauch nicht als Droge bezeichnet wird, obwohl das Abhängigkeitspotenzial allgemein bekannt ist. Danach folgt Buprenorphin. Unter den zehn am wenigstens gefährlichen Substanzen befinden sich gleich drei, deren Besitz in den meisten Ländern strafrechtlich verfolgt wird. Es sind dies 4-MTA (ein Amphetamin), LSD und – an Position 18 – Ecstacy. Am ungefährlichsten ist nach Einschätzung der britischen Experten das in einigen arabischen Ländern gekaute Khat.

Die Rangliste steht unerkennbar im Gegensatz zu den gegenwärtigen Betäubungsmittelgesetzen. Nutt und Kollegen glauben dennoch, dass ein Klassifikationssystem nach ihrem Muster, basierend auf der Gefahrenseinschätzung durch Experten und auf der Grundlage wissenschaftlicher Beweise geeignet sei, die durch Drogen ausgehenden Gefahren zu erkennen. Das System sei strikt und transparent, beinhalte formale quantitative Bewertungen der verschiedenen Gefahrensaspekte und könne leicht bei fortschreitendem Wissensstand erneut angewendet werden, schreiben sie. Im Verlauf des Jahres wollen sie ihren Bericht der britischen Regierung vorstellen. Auf die Resonanz darf man gespannt sein. © rme/aerzteblatt.de

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