Studie: Antidepressiva bei bipolaren Störungen sicher, aber wirkungslos
Freitag, 30. März 2007
Boston - Patienten mit bipolarer Störung werden häufig begleitend zur „stimmungsstabilisierenden Therapie” (Mood-Stabilizer) mit Antidepressiva behandelt. Dieser Ansatz hat sich jetzt in einer größeren randomisierten kontrollierten Studie im New England Journal of Medicine (NEJM 2007; doi: 10.1056/NEJMoa064135) zwar als sicher, aber auch als wirkungslos erwiesen.
Standardtherapie bei bipolaren Störungen ist die Gabe von sogenannten Mood-Stabilizern, zu denen neben Lithium auch Valproat oder Carbamazepin zählen. Sie sollen die manischen Phasen der Erkrankung verhindern, die mit einer erhöhten Suizidalität einhergehen. Die Patienten leiden jedoch mehr unter den depressiven Phasen der Erkrankung, weshalb viele Psychiater zusätzlich Antidepressiva verordnen. Dies geschieht in der Regel “off-label”, da die Medikamente keine Zulassung für die bipolare Störung haben. Dementsprechend gibt es kaum Studien, welche Wirksamkeit und vor allem die Sicherheit dieser Therapie untersucht hätten, wie Gary Sachs vom Massachusetts General Hospital in Boston und Mitarbeiter schreiben.
Die Sicherheitsbedenken betrafen das denkbare Szenario, wonach die Antidepressiva die Patienten – trotz der Gabe der Mood-Stabilizer – in eine manische Phase abgleiten lassen könnten, die dann wegen „überhängender“ Intensionen aus der depressiven Phase leicht in einem Suizid enden könnte. Diese Befürchtung hat sich in der Systematic Treatment Enhancement Program for Bipolar Disorder oder STEP-BD-Studie zum Glück nicht bewahrheitet.
An der Studie, die vom US-National Institute of Mental Health an 22 Zentren des Landes durchgeführt wurde, nahmen 366 Patienten teil. Sie wurden von Ärzten, die auf die Behandlung von bipolaren Störungen spezialisiert waren, zunächst auf eine optimale Dosis der Mood-Stabilizer eingestellt. Dann wurden sie auf eine zusätzliche Therapie mit einem Antidepressivum oder Placebo randomisiert. Die Wahl der Antidepressiva fiel auf die Wirkstoffe Paroxetin oder Bupropion, weil diese Medikamente in den USA am häufigsten - off-label - bei der bipolaren Störung eingesetzt werden.
Der schlimmste Fall, dass die Patienten unter der Therapie einen Suizid begingen, trat nicht ein. In beiden Gruppen wurden jeweils 3 Patienten wegen suizidaler Gedanken hospitalisiert, es kam aber zu keinen Todesfällen. Deshalb stufen Sachs und Mitarbeiter die Therapie als sicher ein – sofern die Therapie mit den Mood-Stabilizer optimal durchgeführt werde.
Doch die Hoffnung, dass die Patienten einen Nutzen aus den Antidepressiva hatten, erfüllte sich nicht. Endpunkt der Studie war eine dauerhafte Erholung, definiert als Euthymie an 8 oder mehr aufeinander folgenden Wochen der 26-wöchigen Studie. Dies erreichten 24 Prozent der Patienten, die zusätzlich zu den Mood-Stabililzers mit Paroxetin oder Bupropion behandelt wurden. Das ist zwar nicht unbedingt ein befriedigendes Ergebnis, doch im Placeboarm waren die Ergebnisse mit 27 Prozent eher besser als schlechter, wobei der Unterschied nicht signifikant war. Für Sachs besteht das Fazit der Studie darin, die Psychiater zu einer optimalen Therapie mit Mood-Stabilizers zu ermahnen. Mit Antidepressiva ließen sich die Ergebnisse dann nicht mehr verbessern. © rme/aerzteblatt.de
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