Antidepressiva im Kindesalter – Geringe Risiken aber auch geringer Nutzen bei der Depression
Mittwoch, 18. April 2007
Columbus - Die Gefahr, dass der Einsatz von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin Reuptake-Inhibitoren (SSRI) bei Kindern und Jugendlichen Selbstmordgedanken auslöst, ist nach den Ergebnissen einer Meta-Analyse im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2007; 297: 1683-1696) geringer als bisher angenommen. Aber auch die Wirkung der Medikamente ist begrenzt. Sie beruht bei der Major-Depression überwiegend auf einem Placebo-Phänomen.
Die Arzneibehörde FDA schätzt das Risiko der suizidalen Ideation auf 4 Prozent gegenüber 2 Prozent unter Placebo. Diese Zahlen finden sich auch in den Black-Box-Warnungen zu Beginn der US-Fachinformationen. Jeffrey Bridge von der Ohio State Universität in Columbus kommt jetzt in einer Meta-Analyse auf der Basis von 27 pädiatrischen Studien mit 5.310 Kindern – ein Fünftel mehr als die bisherigen Analysen – zu dem Ergebnis, dass das Risiko nicht um 2 Prozent erhöht ist, sondern nur um 0,7 Prozent. In den Studien nahm sich kein Kind das Leben. Der Epidemiologe Bridge vertritt deshalb die Ansicht, dass die FDA-Warnungen in den Fachinformationen die Ärzte nicht davon abhalten sollten, die Medikamente einzusetzen.
Eher könnten sie an der Wirksamkeit der SSRI zweifeln, die auch Gegenstand der Meta-Analyse war. Vor allem in der Behandlung der Major-Depression ist die Placebo-Wirkung bei Kindern und Jugendlichen sehr stark. In den Studien sprachen 50 Prozent der Kinder auf das Scheinmedikament an. Der Unterschied zum SSRI, auf das 60 Prozent der pädiatrischen Patienten ansprachen, war gering. Der absolute Unterschied von 11 Prozent bedeutet, dass fast zehn Patienten behandelt werden müssen, damit einer einen größeren Gewinn erzielt als unter Placebo (Number Needed to Treat NNT=10). Der Unterschied fiel umso geringer aus, je jünger die Patienten waren. Bei den unter 12-jährigen wurde nur für ein SSRI (Fluoxetin) eine signifikant bessere Wirkung als unter Placebo gezeigt.
Etwas günstiger war das Verhältnis von Wirkstoff zu Placebo bei den Zwangsstörungen (obsessive-compulsive disorder). Hier sprachen 52 Prozent der Patienten unter SSRI, aber nur 32 Prozent unter Placebo an (NNT=6). Am größten war der Unterschied bei den Angststörungen. Hier sprachen 69 Prozent der Patienten unter SSRI, aber nur 39 Prozent unter Placebo an (NNT=3).
Bridge gesteht ein, dass es neben der Verordnung von SSRI noch andere Möglichkeiten gibt, Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zu behandeln. Er besteht aber darauf, dass trotz der geringen Wirkung das Nutzen-Risiko-Verhältnis positiv sei. Eine offizielle Stellungnahme der FDA steht noch aus. Mitarbeiter meinten aber gegenüber der Presse, dass die Black-Box-Warnungen bestehen bleiben. © rme/aerzteblatt.de
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