Medizin

Wie Morphium das Gehirn verändert – Sucht ein erlerntes Verhalten?

Donnerstag, 26. April 2007

Providence - Schon eine einzige Morphin-Gabe greift im Gehirn in fundamentale Lernprozesse ein. Die Droge löst bestimme Bremsen im Gehirn, die normalerweise das Belohnungssystem im Zaum halten, dessen vermehrte Aktivität als Auslöser der Drogensucht angesehen wird. Dies zeigen experimentelle Studien in Nature (2007; 446: 1086-1090).

Exzitatorische Neurone verstärken die Aktivität anderer Neurone, mit denen sie über Synapsen verbunden sind. Je häufiger sie dies tun, desto geringer wird die Erregungsschwelle der nachgeschalteten Neurone. Diese neurophysiologische Gesetzmäßigkeit wird Langzeit-Potenzierung (long-term potentiation, LTP) genannt. Sie ist die Grundlage für die Plastizität des Gehirns, also dessen Fähigkeit, sich auf veränderte Bedingungen dauerhaft anzupassen. Auch Lernen und Gedächtnisleistungen beruhen nach Ansicht der Neurophysiologen auf dem LTP-Phänonem. 

Die Pharmakologin Julie Kauer hat nun untersucht, ob LTP auch bei der Drogensucht eine Rolle spielt. Sie verabreichte Ratten Morphin, das eine starke Suchtwirkung erzielt, um die Auswirkungen auf den ventralen Tegmental-Areal (VTA) zu studieren. Das VTA befindet sich im Mittelhirn in der Nachbarschaft der Substantia nigra und hat einen Einfluss auf das dopaminerge Belohnungssystem. Eine Überaktivität von Dopamin, auch als Chemikalie des Vergnügens („pleasure chemical“) bezeichnet, löst beim Süchtigen das Craving aus, jenes Suchverhalten nach dem nächsten Kick, der die Süchtigen zunehmend soziale Konventionen ignorieren und oft in die Kriminalität abrutschen lässt.

Von der VTA gehen normalerweise hemmende Einflüsse auf das Belohnungssystem aus. Kauer kann nun zeigen, dass LTP-Phänomene dabei eine Rolle spielen. Sie verhindern eine gesteigerte Freisetzung von Dopamin. Schon eine einzige Gabe von Morphin brachte dieses Gleichgewicht durcheinander. Die LTP war gestört, die Freisetzung von Dopamin verstärkt und so die Gefahr einer Abhängigkeit erhöht. Die Wirkung war noch 24 Stunden nach der Injektion nachweisbar, schreibt die Forscherin. Ihrer Ansicht nach ermöglicht die Morphingabe einen (im Ergebnis ungünstigen) Lernprozess, der wenn er anhält, etwa nach weiterem Morphinkonsum, das Suchtverhalten plausibel erklären würde.

Dass die tierexperimentellen Studien lernpsychologische Theorien der Drogensucht stützen, ist vielleicht ein wenig zu weit gegriffen. Auf einem anderen Gebiet könnte die Studie jedoch in Zukunft Konsequenzen für die Behandlung Drogensüchtiger haben. Kauer hat nämlich auch die Stoffwechselvorgänge bei der LTP erforscht. Beteiligt sind bestimmte Rezeptoren (GABA-A) sowie das Enzym Guanylatzyklase. Medikamente, die hier angreifen, könnten nach Ansicht von Kauer die Drogensucht im Anfangsstadium behandeln oder sogar verhindern. Sollte es gelingen, derartige Substanzen zu entwickeln, und sollten sie die klinischen Tests erfolgreich bestehen, würde dies letztlich auch die von der Autorin aufgestellten Hypothesen belegen. © rme/aerzteblatt.de

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