Sexualmedizin: HPV als Ursache von Oropharynxkarzinomen
Donnerstag, 10. Mai 2007
Baltimore/Heidelberg – Onkogene Humane Papillomaviren (HPV) sind nicht nur die Ursache von Zervixkarzinom und Analkarzinomen. Eine Fall-Kontroll-Studie im New England Journal of Medicine (NEJM 2007; 356: 1944-1956) bringt die Viren auch mit Plattenepithelkarzinomen im Mund- und Rachenbereich in Verbindung. Die Übertragung dürfte durch Sexualkontakte erfolgen, das heißt überwiegend durch Oralverkehr.
Forscher der Bloomberg School of Public Health in Baltimore und der Universität Heidelberg haben hundert Patienten mit oropharyngealen Karzinomen untersucht. Bei 72 Patienten konnten sie im Tumor DNA vom Serotyp HPV-16 nachweisen, der für etwa 70 Prozent aller Zervixkarzinome verantwortlich ist. Dies allein beweist noch nicht, dass HPV für das Krebswachstum in Mundhöhle und Rachen verantwortlich ist. Der Verdacht wird jedoch durch den Vergleich mit 200 nicht an Krebs erkrankten Menschen erhärtet. Diese hatten zu 4 Prozent Antikörper gegen HPV-16 im Blut, während die Prävalenz bei den Tumorpatienten 64 Prozent betrug. Die Forscher konnten außerdem bei den Tumorpatienten häufiger HPV-DNA in der Mundspülflüssigkeit nachweisen, was eine aktive Infektion anzeigt.
Da bekannt ist, dass HPV die anogenitale Schleimhaut chronisch infiziert, liegt eine Übertragung durch Sexualkontakte nahe. Sie muss nicht notwendigerweise durch Oralsex erfolgen. Einmal oral infizierte Personen (in der aktuellen Studie immerhin 4 Prozent der Kontrollgruppe) könnten das Virus natürlich auch durch konventionelles Küssen weitergeben, was nach weiteren Studien, die Stina Syrjänen von der Universität Turku in Finnland im Editorial (NEJM 2007; 356: 1993-1995) erwähnt, wahrscheinlich auch geschieht.
Doch Oralsex scheint der effizientere Übertragungsweg zu sein, wie die Daten von Maura Gillison und Mitarbeitern vermuten lassen. Sechs oder mehr Oralsexpartner (während der Lebenszeit) erhöhten das Risiko auf ein Oropharynxkarzinom um den Faktor 8,6. Bei mehr als 26 Vaginalsexpartnern betrug die Odds Ratio dagegen nur 4,2. Weitere begünstigende Faktoren waren frühe Sexualkontakte, häufige One-Night-Stands oder der Verzicht auf Kondome. Auch die Diagnose eines Zervixkarzinoms bei der Partnerin erhöhte das Risiko (Odds Ratio 3,9), nicht aber homosexuelle Kontakte.
Auch wenn das absolute Risiko, sich durch einen einzelnen Sexualkontakt zu infizieren, sicherlich minimal ist (zumal oropharyngeale Karzinome recht selten sind) sind die Ergebnisse auf der Public-Health-Ebene nicht ohne Bedeutung. Gillison sieht einen Zusammenhang zwischen der seit 1973 in den USA steigenden Inzidenz von oropharyngealen Karzinomen und den veränderten Sexualpraktiken von jungen Erwachsenen. Die Ergebnisse seien ein weiterer Grund, die Impfempfehlung gegen HPV-Infektionen auch auf Jungen auszuweiten. © rme/aerzteblatt.de
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