Medizin

Niederlande: Weniger Sterbehilfe nach Sterbehilfegesetz

Donnerstag, 10. Mai 2007

Rotterdam – Ein 2002 in den Niederlanden verabschiedetes Sterbehilfe-Gesetz hat nicht, wie von Kritikern befürchtet, zu einer Zunahme der aktiven und passiven Sterbehilfe geführt. Stattdessen gehen die Fälle zurück, wie eine Umfrage im New England Journal of Medicine (NEJM 2007; 356: 19587-1965) zeigt. Viele Ärzte bevorzugen heute die kontinuierliche tiefe Sedierung.

Das Termination of Life on Request and Assisted Suicide Act hat in den Niederlanden eine lange verbreitete Praxis legalisiert. Schon vorher kam es selten zu Strafverfahren gegen Ärzte, obwohl bereits 1990 1,7 Prozent aller Todesfälle durch aktive Sterbehilfe eingeleitet wurden. Das heißt: Ärzte hatten auf den ausdrücklichen Wunsch des Patienten hin ein Medikament (meistens ein Opiat) appliziert in der ausdrücklichen Absicht, dadurch den Tod zu beschleunigen. Das ist in den meisten Ländern verboten, auch in den Niederlanden.

Das Gesetz schützt den Arzt allerdings vor einer Strafverfolgung, wenn er bestimmte Regeln einhält, wozu eine Meldepflicht gehört. Auch die passive Sterbehilfe, bei welcher der Arzt dem Patienten das tödliche Medikament verschreibt, das dieser dann selbst einnimmt, ist in den meisten Ländern illegal. Sie wurde in den Niederlande nur selten eingesetzt (0,1 Prozent in 1990), ebenso wie eine aktive Sterbehilfe ohne den expliziten Wunsch des Patienten (weil dieser dazu nicht mehr in der Lage war). Deren Anteil betrug im Jahr 1990 nur 0,8 Prozent. 

Der Anteil der aktiven Sterbehilfe war von 1,7 Prozent in 1990 bis 2001 auf 2,6 Prozent angestiegen, und die Gegner des Gesetzes hatten vorhergesagt, dass mit der Legalisierung alle Dämme brechen würden. Dies ist nicht eingetreten, wie die Zahlen von Agnes van der Heide vom Erasmus Medical Center in Rotterdam belegen. Im Jahr 2005 war die Rate der aktiven Sterbehilfe auf Wunsch des Patienten wieder auf 1,7 Prozent gesunken, auch die passive Sterbehilfe (Rate 0,1 Prozent) oder die aktive Sterbehilfe ohne den expliziten Wunsch des Patienten (0,4 Prozent) sind seltener geworden.

Diese Entwicklung steht nach Ansicht der Autoren nicht mit dem Sterbehilfegesetz in Verbindung, das eine lange Praxis legalisierte und für die Ärzte kaum praktische Änderungen mit sich brachte. Der Grund ist vielmehr medizinischer Natur: In den Niederlanden setzte sich in den letzten Jahren die Ansicht durch, dass die Überdosierung von Opioiden weder eine zuverlässige noch eine für den Patienten angenehme Form der Sterbehilfe ist. Die letale Dosis schwanke und es komme zu qualvollen Nebenwirkungen, schreiben die Autoren.

Stattdessen favorisieren viele Ärzte heute die kontinuierliche tiefe Sedierung, auch als terminale Sedierung bezeichnet. Dabei versetzen die Ärzte die Patienten durch die Gabe eines hoch dosierten Benzodiazapins in eine Art Tiefschlaf, während Opioide (allerdings in einer nicht letalen Dosis) die Beschwerden lindern. Da diese Therapie den Tod nicht beschleunigt, zählt sie nicht zur Sterbehilfe. Im Jahr 2005 wurde nach der Umfrage die kontinuierliche tiefe Sedierung bei 8,2 Prozent aller Sterbenden eingesetzt.

Außer den Niederlanden und Belgien, das die niederländischen Gesetze mehr oder weniger übernommen hat, ist die Sterbehilfe nur noch im US-Staat Oregon legal. Dort dürfen Ärzte den Patienten ein tödliches Medikament verschreiben, das die Patienten dann selbst einnehmen. Obwohl das Gesetz (Death with Dignity Act, DWDA) bereits im Oktober 1997 verabschiedet wurde, ist Sterbehilfe in Oregon – verglichen mit den Niederlanden – sehr selten.

Im letzten Jahr (2006) erhielten 65 Patienten ein Rezept ausgestellt, von denen 35 Patienten das tödliche Mittel einnahmen. Weitere 11 Patienten nahmen sich mit zu einem früheren Zeitpunkt verschriebenen Medikament das Leben. Die Prävalenz von DMDA-Todesfällen liegt damit bei 14,7/10.000 Todesfällen und damit mehr als zehnfach niedriger als in den Niederlanden. © rme/aerzteblatt.de 

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