Nekrotisierende Enterocolitis: Probiotika halbieren Sterblichkeit
Montag, 14. Mai 2007
Perth – Die Behandlung mit Probiotika könnte Frühgeborene vor einer nekrotisierenden Enterocolitis schützen. Nach den Ergebnissen einer jetzt im Lancet (2007; 369: 1614-1620) publizierten Meta-Analyse könnten zwei Drittel der lebensgefährlichen Darmentzündung verhindert und die Sterblichkeit um die Hälfte gesenkt werden. Die zugrunde liegenden Studien wiesen jedoch Schwächen auf.
Etwa 7 Prozent aller extrem Frühgeborenen (very-low-birthweight, VLBW) entwickeln eine nekrotisierende Enterocolitis, die in 15 bis 30 Prozent der Fälle tödlich endet. Die Pathogenese ist nicht restlos geklärt. Es gibt jedoch Hinweise, dass das Kolon, das während der Geburt der Kinder meistens noch steril ist, mit pathogenen Bakterien besiedelt wird, vielleicht begünstigt durch die fehlende Muttermilchernährung, den häufigen Einsatz von Antibiotika in der Neonatologie und den in den Kliniken verbreiteten nosokomialen Risikokeimen.
Hier könnte eine rechtzeitige Behandlung mit Probiotika, also Präparaten aus lebenden anaerobischen Bakterien und Hefen, zu einer beschleunigten Entwicklung einer gesunden Darmflora beitragen. Die Therapie ist jedoch nicht ohne Risiken, wie Carlo Caffarelli von der Kinderklinik der Universität von Parma in Italien im Editorial warnt (Lancet 2007; 369: 1578-1580). Beschrieben seien Fälle einer Lactobacillus GG-Sepsis oder schwere Fungaemien nach Gabe von S. boulardii. Beides werde durch das unreife Immunsystem der VLBW-Kinder begünstigt.
In den Studien der Meta-Analyse, die Sanjay Patole vom King Edward Memorial Hospital for Women in Perth in Westaustralien vorstellt, sind diese Komplikationen hingegen nicht vermehrt aufgetreten. Das Risiko einer Sepsis war zwischen den Gruppen, die Probiotika erhielten, und den Kontrollgruppen nicht signifikant unterschiedlich. Könnte dies daran liegen, dass in den Studien keine Angaben zu den Abbruchraten gemacht wurden? Caffarelli bleibt skeptisch gegenüber den Ergebnissen, die sehr positiv ausfallen.
Die Häufigkeit der nekrotisierenden Colitis wurde bei den VLBW-Kindern mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm um 64 Prozent gesenkt (Relatives Risiko 0,36; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,20-0,65). Die Frühgeborenen benötigten mit Probiotika im Mittel drei Tage weniger Zeit, bis sie vollständige Mahlzeiten aufzunehmen konnten. Die Gesamtsterblichkeit wurde um 53 Prozent gesenkt (Relatives Risiko 0,47; 0,30-0,73). Die Todesfälle an nekrotisierender Enterocolitis oder Sepsis wurden hingegen nicht gesenkt.
Die Studie vergleicht sehr verschiedene Probiotika. Die Präparate enthalten häufig unterschiedliche Mischungen von Lactobacillus acidophilus, L. casei GG, L. bulgaricus, Bifidobacterium bifidum, B. breve, B. infantis, B. lactis, Streptococcus thermophilus und/oder Saccharomyces boulardii. Außerdem stimmen die Stämme in den einzelnen Präparaten nicht überein. Auch aufgrund dieser Unterschiede bleiben nach Ansicht von Caffarelli noch offene Fragen zum präventiven Einsatz der Probiotika. Weitere Studien zu definierten Probiotika wären seiner Ansicht nach sinnvoll. © rme/aerzteblatt.de
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