Neue Studien: ASS kann (in hoher Dosierung) Kolorektalkarzinom vorbeugen
Montag, 14. Mai 2007
Oxford – Die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) kann möglicherweise einem Darmkrebs vorbeugen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei randomisierte Studien im Lancet (2007; 369: 1603-1613). Erforderlich sind allerdings ASS-Dosierungen von 300 mg/die, bei denen das Komplikationsrisiko hoch ist. Die Autoren und Editorialisten halten sich deshalb mit Empfehlungen zurück.
Die Idee, Kolorektalkarzinomen mit ASS vorzubeugen, ist nicht neu. Drei randomisierte kontrollierte Studien hatten in der Vergangenheit gezeigt, dass ASS die Rate von Kolonadenomen signifikant senkt. Die Adenome, meist auf Polypen lokalisiert, sind jedoch nur die Vorstufen des Kolorektalkarzinoms, und nicht jedes Adenom schreitet zum Karzinom vor. Der Beweis einer krebspräventiven Wirkung stand deshalb noch aus. Zweifel erschienen angebracht, da sowohl die Physicians’ Health Study als auch die Women’s Health Study, beides prospektive Beobachtungsstudien, aber keine randomisierten kontrollierte Interventionsstudien, eine präventive Wirkung nicht zeigen konnten.
Jetzt berichten Peter Rothwell von der Radcliffe Infirmary in Oxford über die British Doctors' Aspirin Study und die UK-TIA Aspirin Study, die beide Ende der 70er-Jahre durchgeführt wurden. In der British Doctors' Aspirin Study hatten 4.377 Ärzte 5 bis 6 Jahre lang 500 mg ASS (oder 300 mg in magensaftresistenten Tabletten) eingenommen. Die Vergleichsgruppe von 762 Teilnehmern hatte kein ASS erhalten (Placebos wurden nicht eingesetzt). Im UK-TIA Aspirin Study wurden 2.449 Patienten auf 1.200 mg ASS oder 300 mg ASS oder Placebo randomisiert. Die Patienten nahmen die Tabletten 1 bis 7 Jahre ein. Es wurde also keine Dauertherapie untersucht.
Dennoch kommt Rothwell, der Totenscheine auswertete und in Krebsregistern nach dem Schicksal der Teilnehmer fahndete, zu einer erstaunlich starken präventiven Wirkung. Die Einnahme von ASS für fünf Jahre reduzierte die Häufigkeit von Kolorektalkarzinomen um relativ 37 Prozent (Hazard Ratio 074; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,56-0,97). Diese Wirkung steigerte sich nach 10 bis 15 Jahren bis auf eine Reduktion um 74 Prozent (Hazard Ratio 0,26; 0,12-0,56). Es kam also nach dem Ende der Studie (die möglicherweise auch das Ende der ASS-Einnahme darstellte) noch zu einer Steigerung der protektiven Wirkung. Dies ist durchaus plausibel, da die Latenzzeit von Kolorektalkarzinomen mit mehr als 10 Jahren bemessen wird.
Dennoch hat die Studie Schwächen, die Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital in Boston im Editorial (Lancet 2007; 369: 1577-1578) darlegt. Das Kolorektalkarzinom war kein prädefinierter Endpunkt der beiden Studien. In einer der beiden Studien existierte kein Placeboarm, zudem gibt es nicht genügend Daten zu den Risikofaktoren der Teilnehmer, wendet Chan ein. Denkbar sei beispielsweise, dass mehr Teilnehmer der ASS-Arms Koloskopien durchgeführt haben, obwohl es damals noch keine generelle Empfehlung gab, und dadurch mehr Tumoren im Frühstadium entdeckt wurden. Immerhin: Eine begleitende Analyse von 19 Fall-Kontrollstudien (20.815 Fälle) und 11 Kohortenstudien (1,1 Mio. Personen) bestätigen, dass ASS nach einer längeren Einnahme von 10 Jahren das Darmkrebsrisiko um 50 bis 70 Prozent senkt.
Die optimale Dosis von ASS ist nicht bekannt. Nach der Analyse von Rothwell sollten es wenigstens 300 mg/die sein, also deutlich mehr als die „kardiopräventive“ Dosis (81 oder 100 mg/die). Da ASS mit einem gastrointestinalen Blutungsrisiko verbunden ist, stellt sich die Frage der Risikoabwägung. Sie ist anhand der Studie nicht möglich, da es keine Daten zur Gesamtsterberate gibt. Im Licht der potenziellen Risiken einer Langzeiteinnahme von Aspirin und der Verfügbarkeit alternativer Präventionsstrategien (zum Beispiel Screening-Untersuchungen) sieht Chan deshalb keinen Grund, der Allgemeinbevölkerung zur Einnahme der hohen ASS-Dosis zu raten, um einem Darmkrebs vorzubeugen. Ausnahmen würde er vielleicht bei Hochrisikopatienten machen, etwa Personen mit positiver Familienanamnese oder früheren Polypen, aber auch hier nur auf individueller Basis und nach einer sorgfältigen Abwägung von Nutzen und Risiken einer ASS-Therapie. © rme/aerzteblatt.de
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