Modellrechnung: Erhebliches Krebsrisiko durch CT-Koronarangiografie
Mittwoch, 18. Juli 2007
New York – Die CT-Koronarangiografie könnte in Zukunft den Ausschluss von Herzinfarkten in der Notfallambulanz beschleunigen. Doch die Strahlenbelastung ist erheblich und bei jungen Patienten könnte beinahe eine von hundert Frauen infolge der Untersuchung später an Krebs erkranken, rechnen US-Experten in JAMA (2007; 298: 317-323) vor.
Lieferte die Computertomografie vom beweglichen Herzen lange Zeit nur unscharfe Bilder, so erreicht die neueste Generation der Geräte, die gleichzeitig 64 Schichtaufnahmen anfertigen, eine räumliche Auflösung von 0,4 Millimeter. Damit lassen sich auch Stenosen in den Koronargefäßen erkennen. Die gesamte Untersuchung ist in wenigen Minuten beendet, was bei Patienten mit unklarem Befund durchaus hilfreich wäre. Mit einem negativen prädiktiven Wert von 95 Prozent könnte die CT-Koronarangiografie als vorgeschaltete Untersuchung viele konventionelle Koronarangiografien überflüssig machen, die als invasive Untersuchung mit einem Komplikationsrisiko von 1,7 Prozent verbunden ist. Es gibt deshalb gute medizinische Gründe für eine CT-Koronarangiografie.
Auf der Negativseite fällt ein Krebsrisiko durch ionisierende Strahlen ins Gewicht. Die Strahlendosis ist bei den 64-Schicht-Computertomografen erheblich. Vor allem bei jüngeren Menschen sind Zellen besonders radiosensibel und mit der Lunge und der weiblichen Brust liegen auch noch zwei der am häufigsten an Krebs erkrankenden Organe im Strahlenfeld.
Andrew Einstein von der Columbia University in New York hat auf der Basis des Biological Effects of Ionizing Radiation (BEIR) VII Phase 2 Reports, der den aktuellen Kenntnisstand zur Wirkung ionisierender Strahlen zusammenfasst, das Lebenszeitrisiko (lifetime attributable risk, LAR) berechnet, das mit der CT-Koronarangiografie verbunden sein könnte.
Bei älteren Menschen ist das LAR relativ gering. Dies ist unter anderem auf die lange Latenzzeit zurückzuführen. Beim Mammakarzinom geht man aufgrund der Beobachtungen nach den Atombombenabwürfen in Japan von durchschnittlich 12 Jahren von der Exposition bis zur Diagnose des Tumors aus.
Laut den Schätzungen von Einstein schwankt die LAR zwischen 1 zu 143 für eine 20-jährige Frau bis 1 zu 3.261 für einen 80 Jahre alten Mann. Wird eine dosissparende radiologische Strategie mit der Bezeichnung ECTCM (electrocardiographically controlled tube current modulation) verwendet, sinken die LAR auf 1 zu 219 bei der jungen Frau und 1 zu 5.017 beim alten Mann. Bei dem in der Praxis wohl häufigeren Beispiel einer 60 Jahre alten Frau sind es mit ECTCM 1 zu 715 und bei einem Mann 1 zu 1.911.
Viele Kardiologen dürften sich mit Blick auf das durch die Untersuchung vermeidbare Morbiditätsrisiko der invasiven Koronarangiografie, die auch nicht ohne Strahlenbelastung auskommt, wohl für die CT-Koronarangiografie entscheiden. Wenn sie aber bei einer 20-jährigen Frau eine Untersuchung des Herzens einschließlich des angrenzenden Aortenbogens planen, dürfte sie angesichts einer LAR von 1 zu 114 (also einer Chance von fast einem Prozent) eher zurückschrecken. Da das Risiko mit jeder Untersuchung kumulativ ansteigt, dürfte die Entscheidung auch bei älteren Patienten nicht allzu leicht fallen. © rme/aerzteblatt.de
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.