Medizin

Zweifel an der guten Wirkung der Grippeimpfung bei älteren Menschen

Dienstag, 25. September 2007

Bethesda – Die Wirksamkeit der Grippeimpfung bei älteren Menschen ist in der Vergangenheit offenbar drastisch überschätzt worden. Die Ergebnisse früherer Kohortenstudien, nach denen die allgemeine Sterblichkeit halbiert würde, sind nach Ansicht von US-Epidemiologen in Lancet Infectious Diseases (2007: 7: 658-666) nicht haltbar.

In allen Industrieländern, die sich dies leisten können, sind ältere Menschen über 65 Jahre die primäre Zielgruppe der alljährlichen Grippeschutzimpfung. Der Grund liegt in der hohen Sterblichkeit durch die Influenza bei älteren Menschen. Es ist aber auch bekannt, dass die Grippe-Impfung bei älteren Menschen geringere Antikörpertiter generiert als bei jüngeren Menschen.

Trotzdem kamen Kohortenstudien in der Vergangenheit immer wieder zu positiven Ergebnissen. Eine häufig zitierte Meta-Analyse errechnete, dass die Impfung die influenzabedingte Morbidität um 35 Prozent, die Hospitalisierungsrate um 33 Prozent, die Kliniksterblichkeit wegen Grippe um 47 Prozent senkt. Für die Gesamtsterblichkeit der Menschen über 65 Jahren ermittelten Trang Vu vom Royal Melbourne Hospital sogar eine Reduktion um 50 Prozent (Vaccine 2002; 20: 1831-1836).

Diese Zahlen sind nach Ansicht von Lone Simonsen vom US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda allein schon deshalb nicht realistisch, weil weniger als 10 Prozent aller zusätzlichen Todesfälle in den Wintermonaten auf Lungenentzündung oder Grippeerkrankungen zurückzuführen sind. Hinter diesen Erkrankungen verbirgt sich die Grippe, die ja in der klinischen Praxis ohne Erregernachweis diagnostiziert wird. 

Die Analyse der Sterbebescheinigungen, die Simonsen in den Archives of Internal Medicine vorstellte (2005; 165: 265-272), ergab, dass die Sterblichkeit an den Grippe zwar zwischen 1968 und 1980 zurückging, was aber eine Folge der erworbenen Immunität nach der Pandemie von 1968 war. Seit 1980 ist die Sterblichkeit in der Gruppe der über 65-Jährigen jedoch wieder gestiegen - und dies obwohl die Impfrate bei älteren Menschen in den USA seit den 1980er-Jahren von 15 auf 65 Prozent geklettert ist.

Seither bemühen sich verschiedenen Autoren darum, diesen Widerspruch zu klären. Eine mögliche Antwort könnte ein Selektions-Bias in den Kohortenstudien sein. Simonsen vermutet, dass die Grippeimpfung bevorzugt von gesunden Senioren in Anspruch genommen wird. Bereits im letzten Jahr fanden Lisa Jackson vom GroupHealth Center for Health Studies in Seattle, Washington heraus, dass das Sterberisiko von vakzinierten Senioren bereits vor der Impfung um 61 Prozent niedriger ist als das Sterberisiko von Senioren, die nicht mehr um einen Impftermin nachsuchen – möglicherweise weil sie zu krank oder zu gebrechlich sind.

In ihrer aktuellen Übersicht im in Lancet Infectious Diseases (2007: 7: 658-666) kommt Frau Simonsen zu der gleichen Einschätzung. Neben dem „frailty selection bias“ macht sie auch die unspezifischen Endpunkte in den Kohortenstudien für deren geringe Aussagekraft verantwortlich. 

In der Konsequenz bedeute dies, dass niemand heute sagen könne, wie effektiv die Grippeimpfung ist, die Simonsen übrigens nicht grundsätzlich ablehnt, zumal es keine Alternative gebe. Ihrer Ansicht nach sollte jedoch die heutige Strategie überdacht werden, welche die Impfung generell allen älteren Menschen empfiehlt. Sinnvoller könnte es sein, unter den älteren Menschen diejenigen herauszufinden, die – weil sie komorbid und gebrechlich sind – den größten Nutzen aus der Impfung ziehen würden.

Eventuell, so schreibt das National Institute of Allergy and Infectious Diseases in seiner Pressemitteilung, sollte die Impfung auf Angehörige und Betreuer ausgedehnt werden, um auf diese Weise die Senioren indirekt vor einer Ansteckung zu schützen. Teil dieser Strategie könnte auch eine aggressivere Therapie der Grippe im Frühstadium mit Virustatika sein, von denen bekannt ist, dass sie die Ausbreitungskette unterbinden. © rme/aerzteblatt.de 

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