7.836 News Medizin

Medizin

Suizide und Kalziummangel nach bariatrischen Operationen

Dienstag, 16. Oktober 2007

Pittsburgh/Washington – Bariatrische Operationen sollen durch eine schnelle Abnahme des Körpergewichts die kardiovaskulären Risiken von extrem adipösen Patienten mindern und die Lebensqualität verbessern. Die Realität sieht jedoch möglicherweise anders aus. Nach einer Studie in den Archives of Surgery (2007; 142: 923-928) könnte die Zahl der Todesfälle durch Herzinfarkt und Suizide sogar erhöht sein. Langfristig könnte es auch zur Osteoporose kommen.

Bei einer bariatrischen Operation wird der Magen verkleinert oder die Resorptionsstrecke im Dünndarm durch eine Bypass-Operation verkürzt. Die Eingriffe sind zwar nicht ohne Operationsrisiken – die zusätzliche 1-Jahresmortalität beträgt immerhin 1,9 Prozent – doch in den meisten Fällen wird die erwünschte Wirkung erzielt. Nach der Operation nehmen die meisten Patienten schnell und stark an Gewicht ab. 

Der niedrigere Body-Mass-Index sollte sich langfristig eigentlich positiv auf die kardiovaskulären Risiken auswirken. Zwei kürzlich im New England Journal of Medicine (NEJM) publizierte Kohortenstudien, eine davon prospektiv, kamen auch zu dem Ergebnis, dass die Operation die Sterblichkeit der Patienten senkt (NEJM 2007; 357: 741-52 und 753-61). In einer Studie war jedoch ein Anstieg der Suizide um 58 Prozent aufgefallen. Die Rate war jedoch mit einer Inzidenz von 11,1/10.000 Personenjahre insgesamt gering. 

Die Daten, die Bennet Omalu von der Universität Pittsburgh und Mitarbeiter vorstellen, ergeben ein anderes Bild. Die Epidemiologen sind dem Schicksal von 16.683 Patienten nachgegangen, die sich 1995 and 2004 im US-Staat Pennsylvania bariatrischen Operationen unterzogen. 440 Personen (2,6 Prozent) sind inzwischen gestorben, mehr als vom Bevölkerungsdurchschnitt zu erwarten gewesen wäre. Bei 76 Personen nannte die Todesbescheinigung eine Herzerkrankung als Sterbeursache. Auch diese Zahl liegt über dem Anteil in der Normalbevölkerung – was einigermaßen überrascht.

Denn ein Ziel der bariatrischen Operationen besteht ja darin, die Folgekrankheiten des exzessiven Übergewichts zu verhindern. Und dazu gehören über die pathogenetische Schiene das metabolisches Syndrom und der Typ-II-Diabetes in erster Linie Herzerkrankungen, die die Haupttodesursache von Diabetikern sind.

Weitere 45 Personen starben eines nicht natürlichen Todes („Trauma“). Darunter waren 16 Suizide – immerhin 4 Prozent aller Todesfälle – und 14 Drogentote – 3 Prozent aller Todesfälle. Normalerweise hätte man nur 2 Todesfälle wegen Suiziden erwartet. Nach Ansicht von Omalu beseitigt die Operation deshalb nicht unbedingt alle Probleme der Adipositas. Man könnte auch vermuten, dass sie neue schafft und viele Patienten nicht glücklich mit den Ergebnissen sind.

Viele Gastroenterologen, welche die Patienten mit bariatrischen Operationen nachbetreuen, sind es offenbar auch nicht. Auf der Jahrestagung des American College of Gastroenterology in Philadelphia wurde jetzt eine Studie vorgestellt, die auf eine bisher nicht bedachte langfristige Konsequenz hindeutet, die jenen 150.000 Patienten drohen, die sich pro Jahr in den USA einer bariatrischen Operation unterziehen.

Timothy Koch von der Georgetown Universität in Washington ist aufgefallen, dass es nach den Magenbypass-Operationen häufig zu einer bakteriellen Besiedlung des Dünndarms kommt. Schuld sei die Achlorhydrie, also der Ausfall der Magensäureproduktion, der durch die Einnahme von Medikamenten, aber auch durch die Roux-en-Y-Operation bewirkt wird. Diese Operation verkleinert den Magen auf eine „Pouch“, bestehend aus dem früheren Magenfundus. Die Pouch wird direkt mit einem distalen Teil des Dünndarms verbunden – unter Ausschluss des restlichen Magens, des Duodenums und eines vorderen Dünndarmanteils, die weiter unten mit dem Bypass anastomisiert werden.

Da die sterilisierende Wirkung des Magens entfällt, können Keime aus der Nahrung sich im Dünndarm ansiedeln, was mit dem SIBO-Atemtest (small intestinal bacterial overgrowth) nachgewiesen werden kann. Die abnorme Besiedlung des Dünndarms bleibt für den Patienten nicht ohne Folgen. Die Bakterien entziehen dem Speisebrei Nährstoffe.

Vor allem die Resorption von Vitaminen und Spurenelementen wie Kalzium und Zink kann gestört sein. Tatsächlich konnte Koch bei allen 43 Patienten mit einem abnormalen SIBO-Test Störungen der Kalzium- und Zinkresorption nachweisen. Diesen Patienten drohe mittelfristig eine Osteoporose und möglicherweise noch weitere Folgen eines Mineral- und Vitaminmangels, befürchtet der Gastroenterologe. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Drucken Versenden Teilen
7.836 News Medizin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in