Politik

Mediziner erwägen Verstoß gegen Embryonenschutzgesetz

Freitag, 2. November 2007

Berlin – Der Vorsitzende der Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Hans-Rudolf Tinneberg, hat eine grundlegende Novellierung des Embryonenschutzgesetzes als lange überfällig bezeichnet. Er sagte am Donnerstag vor Journalisten in Berlin, unter Fachmedizinern gebe es eine wachsende Sympathie für den Gedanken, durch einen bewussten Verstoß gegen das Gesetz dessen Geltung gerichtlich überprüfen zu lassen. Er forderte eine Änderung des Gesetzes zum Embryonenschutz von 1990. Zugleich sollten damit die Vorgaben für die Stammzellforschung gelockert werden.

So könne ein Mediziner öffentlich erklären, die in Deutschland verbotene Präimplantationsdiagnostik (PID) angewendet zu haben, und diesen Konflikt dann juristisch klären lassen. Letztlich sei es aber „traurig“, wenn angesichts der politischen Linie eine solche grundsätzliche Frage durch die Gerichte geklärt werden sollte. Tinneberg äußerte sich am Rande einer Fachkonferenz zu Reproduktionsmedizin und Stammzellforschung. Dabei betonte er, für langfristige therapeutische Erfolge gegen chronische Erkrankungen wie Herzschwäche, Parkinson oder Multiple Sklerose sei Stammzellforschung unbedingt notwendig. „Das einfachste wäre wirklich, embryonale Stammzellen nutzen zu können“, meinte er.

Der englische Reproduktionsmediziner Robert Edwards, der durch wissenschaftliche Erfolge bei künstlicher Befruchtung in den 1970er Jahren für die ersten Retortenbabys sorgte, bemängelte das deutsche Recht im Bereich der Stammzellforschung. Er bedauere es, wenn deutsche oder französische Wissenschaftler wegen rechtlicher Hürden ihr Land verließen und nach England wechseln müssten. Es sei ethisch doch das gleiche, Stammzelllinien aus dem Ausland zu importieren oder selber zu gewinnen. Für Rückschlüsse im Bereich der Reprogrammierung von Zellen, so Edwards, seien Arbeiten mit embryonalen Stammzellen unbedingt notwendig.

Zugleich bezeichnete er die Entwicklung im Bereich der Gen- und der Stammzellforschung als rasant. Niemand wisse, wie weit die Wissenschaft in zehn oder 20 Jahren sei. Er halte es für möglich, dass dann Zellen aus Nabelschnurblut oder aus Gewebe vom erwachsenen Menschen so gut einsetzbar seien wie Embryonalzellen. Die Stammzellen, die heute von Nutzen seien, stammten nicht von Embryonen. Nachdrücklich hob er die Qualität und Möglichkeiten von Stammzellen aus Nabelschnurblut hervor.

Prälat Maurizio Calipari von der Päpstlichen Akademie für das Leben warnte dagegen vor einem Wegfall rechtlicher Begrenzungen. Die Frage der Stammzellforschung sei nicht allein unter der Perspektive des angestrebten Zieles zu betrachten. Wissenschaftler müssten auch den Weg, der zu diesem Ziel eingeschlagen werde, ethisch bedenken. Es gehe derzeit nicht allein um technische Probleme, sondern um grundlegende ethische Fragestellungen. So dürfe kein Embryo getötet werden, weil daran wissenschaftlich-medizinischer Nutzen bestehe. © kna/aerzteblatt.de

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