Contergan®-Nachfolger Lenalidomid verlängert Überleben beim multiplen Myelom
Donnerstag, 22. November 2007
Houston/Athen – Die Kombination aus Dexamethason mit Lenalidomid verlängert gegenüber einer alleinigen Therapie mit Dexamethason die Überlebenszeiten von Patienten mit therapierefraktärem multiplen Myelom. Dies ergaben übereinstimmend zwei randomisierte kontrollierte Studien im New England Journal of Medicine (2007; 357: 2123-2132 und 2133-2142).
Mehr als vier Jahrzehnte nach der Contergan-Katastrophe ist in diesem Jahr mit Revlimid® in Deutschland ein Medikament zugelassen worden, dessen Wirkstoff mit dem Thalidomid strukturell eng verwandt ist. Tatsächlich ist Lenalidomid das Ergebnis der gezielten Suche nach einer weniger neurotoxischen Alternative zu Thalidomid, das sich in den letzten Jahren als ein wirksames Mittel beim multiplen Myelom erwiesen hat. Lenalidomid wurde in zwei großen randomisierten kontrollierten Studien in Europa und Nordamerika evaluiert.
An der amerikanischen MM 009 Studie hatten unter der Leitung von Donna Weber vom M. D. Anderson Cancer Center in Houston 353 Patienten teilgenommen, bei denen wenigstens eine frühere Chemotherapie gescheitert war. Alle wurden oral mit Dexamethason behandelt. Jeder zweite Patient erhielt zusätzlich Lenalidomid. Dies verbesserte die Ansprechrate von 19,9 Prozent (Dexamethason plus Placebo) auf 61 Prozent (Dexamethason plus Lenalidomid).
14,1 Prozent (versus 0,6 Prozent) erzielten eine Vollremission. Die mediane Zeit bis zur Progression wurde von 4,7 auf 11,1 Monate verlängert, die Gesamtüberlebenszeit stieg von 20,2 auf 29,6 Monate, ein für eine Tumortherapie durchaus beachtliche Leistung, auch wenn Lenalidomid keine Heilung verspricht. In der parallelen europäischen MM 010-Studie (mit deutscher Beteiligung), an der unter Leitung von Meletios Dimopoulos von der Universität Athen 351 Patienten teilnahmen, wurden vergleichbare Ergebnisse erzielt.
Die Therapie war indes nicht ohne Nebenwirkungen. In der MM 009-Studie erhöhte der Zusatz von Lenalidomid die Häufigkeit von schweren (Grad 3 oder 4) Neutropenien von 4,6 auf 41,2 Prozent und die Häufigkeit der venösen Thromboembolien von 3,4 auf 14,7 Prozent. In der MM 010-Studie kam es bei 29,5 vs. 2,3 Prozent zur Neutropenie, bei 11,4 vs. 5,7 Prozent zur Thrombozytopenie und bei 11,4 vs. 4,6 Prozent zur venösen Thromboembolie.
Dennoch fällt die Bewertung des Editorialisten Alan List von der Universität von Süd Florida in Tampa eindeutig positiv aus. Lenalidomid zeige, dass auch Wirkstoffen mit einer verheerenden Wirkung in der Vergangenheit ein „zweites Leben“ zuteil werden kann, wenn auch in Form eines anderen verwandten Wirkstoffs.
In den USA, wo Contergan – dank des Widerstands einer mutigen FDA-Mitarbeiterin – niemals zugelassen wurde, ist übrigens auch Thalidomid seit Mai 2006 wieder zugelassen. In Deutschland wäre dies kaum denkbar. Das in diesem Jahr zugelassene Revlimid® bietet hier eine Ausweichmöglichkeit. Übrigens blieben die USA Ende der 1950er-Jahre trotz der Nicht-Zulassung von Contergan nicht völlig von der Katastrophe verschont. Die damals noch sehr weichen Gesetze ließen es zu, dass 20.000 Amerikanerinnen das Medikament als „experimentellen“ Wirkstoff einnahmen. Es wurden allerdings nur 17 Kinder mit Phokomelien geboren gegenüber etwa 5.000 in Deutschland. © rme/aerzteblatt.de
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