Medizin

Mehr HIV-Infizierte in Deutschland und Europa

Montag, 26. November 2007

Stockholm/Berlin – Eine Woche nachdem die Unaids aktuelle Zahlen zur globalen HIV-Epidemie vorgelegt hat, stellen das European Centre of Disease Control and Prevention (ECDC) und das Robert-Koch-Institut die regionalen Daten für Europa und Deutschland vor. Vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist die Situation alles andere als rosig, aber auch in Deutschland steigen die Neu-Infektionen.

In der gesamten WHO-Region Europa, zu der auch Russland und die anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zählen, leben nach Schätzung der ECDC 806.258 Menschen mit (bekannter) HIV-Infektion. Davon entfielen 86.912 auf im letzten Jahr neu diagnostizierte HIV-Infektionen. 

Am stärksten, bezogen auf die Bevölkerungszahl, breitet sich das Immunschwächevirus derzeit in Estland aus. Auf eine Millionen Menschen kamen 504 neue Diagnosen, in Deutschland waren es zum Vergleich 33. In dem kleinen baltischen Land hat sich die Epidemie zunächst über i.-v.-Drogenkonsumenten ausgebreitet. Vor sechs Jahren entfielen auf diese Risikogruppe noch 90 Prozent aller Neu-Diagnosen von HIV-Infektionen. Inzwischen sollen es weniger als die Hälfte sein. Die Epidemie ist damit zu einer Bedrohung der Allgemeinbevölkerung geworden, was die Regierung alarmiert hat und zu einer intensiven Aufklärungskampagne geführt hat (s. Video).

Insgesamt kann man feststellen, dass sich HIV in Europa weiterhin am stärksten in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ausbreitet. Hier kam es zu 59.866 neu diagnostizierten HIV-Infektionen (211/Mio. Einwohner). Der Anteil der Frauen beträgt 41 Prozent. 27 Prozent der Infizierten sind erst zwischen 15 und 24 Jahre alt. Der häufigste Übertragungsweg ist noch immer der intravenöse Drogenkonsum, doch der Anteil der heterosexuell übertragenen Infektionen hat sich seit 1999 verfünffacht. 

In allen anderen Staaten Osteuropas und der Türkei wurden Neuinfektionen dagegen nur bei 1.805 Menschen diagnostiziert. Die Rate beträgt 9,4/Mio. Einwohner. Am niedrigsten war die Rate mit 3,9/Mio. Einwohner übrigens in der Türkei (290 Neudiagnosen). In all diesen Ländern infizieren sich die Menschen zur Hälfte durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr.

In Westeuropa sind nach Angaben der ECDC im letzten Jahr 25.241 neue HIV-Infektionen bekannt geworden. Da allerdings Italien und Spanien keine Daten meldeten, ist die Situation ein wenig unübersichtlich. 35 Prozent der neu entdeckten HIV-Infektionen in Westeuropa treten bei Frauen und 10 Prozent bei Personen zwischen 15 und 24 Jahren auf. Die meisten Infektionen werden in Westeuropa heterosexuell erworben.

Die ECDC geht davon aus, dass die Zahl der HIV-Infektionen um ein Drittel höher ist als die Zahl der bekannten HIV-Infektionen. Auch das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass die Zahl der Diagnosen nicht mit der Zahl der HIV-Infektionen verwechselt werden darf. Bei den meisten Neu-Diagnostizierten dürfte der Infektionszeitpunkt einige Jahre zurückliegen. 

Doch auch die Zahlen der Neu-Diagnosen bewegen sich seit Jahren nach oben. Von 1.442 in 2001, 1.718 in 2002, 1.976 in 2003, 2.212 in 2004 und 2.505 in 2005 auf 2.638 Neudiagnosen im letzten Jahr (nach ECDC-Statistik waren es 2718). In der ersten Jahreshälfte 2007 wurde die Diagnose laut Robert-Koch-Institut bei 1.334 Menschen neu gestellt.

Etwa die Hälfte dieses Anstiegs führt das Robert-Koch-Institut auf eine verbesserte Erkennung von Erstdiagnosen zurück. Die zweite Hälfte des Anstiegs beruhe wahrscheinlich auf einem tatsächlichen Anstieg von HIV-Neuinfektionen, zu einem Teil könne auch eine erhöhte Testbereitschaft dazu beigetragen haben.

Insgesamt gab es Ende 2007 etwa 59.000 HIV-Infizierte. Die größte Gruppe bilden mit 34.000 HIV-Infizierten homosexuelle Männer. Etwa 7.500 Personen haben sich nach den Zahlen des Robert-Koch-Instituts über heterosexuelle Kontakte angesteckt. Rund 9.000 Menschen kommen laut Robert-Koch-Institut aus den Hochprävalenzregionen (etwa Afrika) und haben sich überwiegend in ihren Herkunftsländern und dort über heterosexuelle Kontakte infiziert. Etwa 7.000 HIV-Infektionen gehen auf intravenösen Drogengebrauch zurück.

Auch wenn in diesem Jahr in Deutschland nur 650 Menschen an Aids sterben werden, bleibt es dabei, dass die modernen Medikamente noch keinen einzigen Menschen von seiner HIV-Infektion geheilt haben, erläuterte Reinhard Kurth, der Präsident des Robert Koch-Instituts. 

Nach einem Beitrag im epidemiologische Bulletin senkt die antivirale Therapie, die ja, wenn sie erfolgreich ist, die Virusmenge unter die Nachweisgrenze senkt, das Ansteckungsrisiko der Sexualpartner. Auf Bevölkerungsebene könne die Therapie deshalb einen Beitrag zur Rückdrängung der Epidemie leisten, was sie aber derzeit effektiv nicht schafft. Auf indiviueller Ebene bleibt ein ungeschützter Sexualverkehr aber immer ein schwer kalkulierbares Risiko. © rme/aerzteblatt.de

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