Medizin

Studie: Neuroleptika wirkungslos gegen Aggressionen

Freitag, 4. Januar 2008

London – Eine kleine randomisierte kontrollierte Studie im Lancet (2008; 371: 57-63) stellt den „großzügigen“ Einsatz von Neuroleptika bei aggressiven Verhaltensstörungen infrage. In der Studie erzielte Placebo eine bessere Wirkung als zwei häufig eingesetzte Wirkstoffe.

Ältere Patienten mit Demenzstörungen, aber auch jüngere Menschen mit geistigen Behinderungen, neigen häufig zu aggressivem Verhalten, was das Familienleben erheblich stören und die Betreuung durch soziale Dienste und Einrichtungen erschweren kann. In den letzten Jahren sind viele Ärzte dazu übergegangen, die Patienten mit Neuroleptika zu behandeln. Einige Wirkstoffe wie Risperidon sind auch zur Behandlung einer chronischen Aggressivität bei Demenz oder zur Behandlung „störenden Verhalten bei Intelligenzminderung oder Intelligenz im unteren Normbereich“ zugelassen.

Diese Praxis ist zwar unter Psychiatern umstritten, an der Wirkung bestanden jedoch keine Zweifel. Auch die Teilnehmer der Studie, die Peter Tyrer vom University College London in England, Wales und einem Zentrum in Australien durchführte, sprachen gut an auf die Therapie mit Risperidon (Neuroleptikum der zweiten Generation) oder Haloperidol (einem älteren Wirkstoff, der in Deutschland nicht zur Behandlung reiner Aggressionsstörungen zugelassen ist). Es handelte sich um 86 erwachsene Patienten mit verminderten geistigen Fähigkeiten, aber ohne psychiatrische Begleiterkrankungen, die aufgrund ihrer Aggressivität aufgefallen waren (mindestens 2 Gewaltausbrüche) und medikamentös behandelt wurden.

Mit Erfolg: Schon in der ersten Woche der Therapie ließ die Aggression nach und im Modified Overt Aggression Scale (MOAS) kam es zu einer signifikanten Verbesserung. Dies war sowohl unter Risperidon (initial im Mittel 1,07mg/die, später 1,78 mg/die) als auch unter Haloperidol (initial im Mittel 2,54 mg/die, später 2,94 mg/die) der Fall. Nach vier Wochen war der MOAS unter Risperidon um sieben Punkte gefallen (relative Reduktion 58 Prozent), unter Haloperidol war er um 6,5 Punkte (relative Reduktion 65 Prozent) zurückgegangen. Noch besser war das Ergebnis jedoch im dritten Arm der Studie. Dort hatten die Patienten wirkstofffreie Tabletten erhalten: Das Placebo senkte den MOAS um neun Punkte (relative Reduktion 79 Prozent). Es war demnach die überlegene Therapie.

Die gute Wirkung des Placebos führt Tyler, Vorsitzender der British Association for Behavioural and Cognitive Psychotherapies, der psychotherapeutische Ansätze befürwortet, auf die vermehrte Aufmerksamkeit zurück, die den Patienten im Rahmen der Studie zuteil wurde – etwa wegen der Bewertung im MOAS. Denkbar sei auch, dass sich die aggressive Störung von selbst gebessert habe oder dass ein echter Placebo-Effekt vorliege.

Die gute Wirkung könnte aber auch damit zusammenhängen, dass die Teilnehmer, die keine psychiatrischen Begleitdiagnosen hatten und deren intellektuellen Behinderungen in der Regel mild bis mäßig waren, nicht unbedingt schwere Problemfälle darstellten. Tyrer glaubt, dass nicht medikamentöse Therapien bei aggressiven Verhaltensstörungen in vielen Fällen im Vorteil sind. Er will dies demnächst in einer klinischen Studie untersuchen. © rme/aerzteblatt.de

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