Medizin

Angeblich menschlicher Embryo aus Hautzellen „geklont“

Freitag, 18. Januar 2008

Nach meheren Zellteilungen entwickelt ein Embryo/Alpha Press

La Jolla/London – Die Behauptung einer kalifornischen Forschergruppe in Stem Cells (2008; doi: 10.1634/stemcells.2007-0252), sie habe einen menschlichen Embryo aus Fibroblasten der Haut geklont, ist mit der unter Stammzellexperten inzwischen verbreiteten Skepsis aufgenommen worden. Derweilen haben britische Forscher endgültig die Erlaubnis erhalten, menschliche Zellen in tierischen Eizellen zu klonen.

Seitdem der südkoreanische Forscher Woo Suk Hwang des Betrugs überführt wurde, werden neue „Durchbrüche“ in der Stammzellforschung sehr zurückhaltend beurteilt. Hwang hatte 2004 angeblich menschliche Embryonen geklont. Später wollte er sogar Stammzellen aus ihnen isoliert haben. Nachdem andere Gruppen die Experimente nicht reproduzieren konnten, räumte Hwang ein, dass er seine Daten fabriziert hatte. 

Grundlage des Klonens ist der somatische Zell-Nukleus-Transfer (SCNT). Er ist bei Säugetieren im Labor bereits in den frühen 1980er-Jahren gelungen, was vor zehn Jahren dann zur Geburt des Klonschafs Dolly führte. Beim Menschen scheiterten bislang alle SNCT-Versuche. Dabei ist das Vorgehen im Prinzip einfach.

Es besteht aus vier Schritten. Im ersten Schritt wird aus einer Eizelle der Zellkern entfernt. Die Eizelle behält allerdings ihren Stoffwechsel, der auf die Bildung eines Embryos programmiert ist (und in den Mitochondrien bleibt auch ein wenig genetisches Material der Eizelle zurück). Im zweiten Schritt werden aus einer Zelle des Organismus, der geklont werden soll, die Chromosomen isoliert. Die Forscher können im Prinzip jede Zelle nehmen. Die meisten Experimente werden wegen der leichten Verfügbarkeit mit Fibroblasten aus der Haut durchgeführt. Im dritten Schritt werden die Chromosomen in die “entkernte” Eizelle eingebracht. Schließlich wird im vierten Schritt, der “parthenogenetischen Aktivierung”, versucht, die Eizelle zur Teilung anzuregen.

Ist dies gelungen, bildet sich zunächst eine Blastozyste. Erst wenn dieser Zellhaufen groß genug ist, um daraus Stammzellen zu entnehmen, haben die Forscher ihr Ziel erreicht. Dieses besteht keinesfalls in der Erstellung von identischen Kopien schöner und kluger Menschen. Dieses reproduktive Klonen ist weltweit verpönt. Ziel ist die Gewinnung von Stammzellen für die Grundlagenforschung und später vielleicht auch für die Therapie von genetisch bedingten Erkrankungen, wobei völlig offen ist, ob dieses therapeutische Klonen gelingen wird.

Die Umsetzung der SCNT hat sich in der Vergangenheit als schwierig erwiesen. Neben Hwang waren auch andere Forscher gescheitert. So etwa die Firma Advanced Cell Technology aus Los Angeles, die bereits im Jahr 2001 verkündete, sie habe menschliche Embryonen geklont. Die Zellen erreichten jedoch nicht das Stadium der Blastozysten: Sie starben ab, bevor Stammzellen entnommen werden konnten. Am gleichen Problem scheiterte Miodrag Stojkovic von der Universität Newcastle im Jahr 2005. Er konnte drei Embryonen klonen, die sich auch bis zur Blastozyste entwickelten. Sie gingen aber ebenfalls zugrunde, bevor der Forscher Stammzellen entnehmen konnten.

Entsprechend kritisch werden jetzt die Angaben von Andrew French von der Firma Stemagen in La Jolla betrachtet. Die Forscher aus Kalifornien hatten Fibroblasten in 25 Oozyten eingebracht, die sie von einer benachbarten Fertilitätsklinik erhalten hatten. Im Unterschied zu den früheren gescheiterten Versuchen, sollen die Eizellen nicht von Patientinnen mit Fertilitätsstörungen stammen, sondern von gesunden Frauen. Ob dies den Unterschied ausmachte, ist unklar. Jedenfalls sollen zwei Eizellen sich bis zu einem fünf Tage alten Embryo entwickelt haben, was eine sehr hohe Ausbeute wäre.

Nach Angaben der Forscher belegen DNA-Tests von anderen Instituten, dass die Zellen identische Kopien der Fibroblasten sind. Darauf gründet sich die Behauptung, dass es jetzt erstmals gelungen sei, menschliche Zellen zu klonen. Der Beweis – die Isolierung und Vermehrung von Stammzellen – steht jedoch noch aus. Die Kollegen sind sich uneinig: Den britischen Forscher Stojkovic überzeugte die Publikation. Er gratulierte den kalifornischen Forschern. Robert Lanza, der Chefforscher von Advanced Cell Technology dagegen bemängelte das „sehr ungesunde Aussehen“ der Blastozysten, sein Kollege George Daley vom der Harvard Universität sagte, er sei „recht überzeugt“. Wer Recht behält, wird sich wohl erst in den nächsten Wochen oder Monaten zeigen.

Fraglich ist auch, ob per SCNT in menschlichen Eizellen geklonte Embryonen überhaupt notwendig sind. Es bieten sich nämlich zwei Konkurrenzverfahren ein. Das erste besteht in der Reprogrammierung von Fibroblasten, die durch Einbringen mehrerer Gene wieder in Stammzellen zurückverwandelt werden. Zwei Gruppen konnten vor wenigen Wochen zeigen, dass dies möglich ist, wenn auch unter dem Risiko einer Krebsinduktion durch die eingebrachten Gene. Der andere Weg, den britische Forscher einschlagen wollen, besteht in der Bildung von Hybrid-Embryonen. Dabei werden die Klonexperimenten nicht an den schwer erhältlichen – und qualitativ minderwertigen(?) – menschlichen Eizellen durchgeführt, sondern an Eizellen von Tieren, in denen sich tierische Zellen bereits sehr effektiv klonen lassen. 

Ob dies auch mit menschlichen Zellen gelingt, ist offen. Das Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA), die britische Aufsichtsbehörde für die IVF-Forschung, erteilte jetzt zwei Gruppen in London und Newcastle eine endgültige Genehmigung für erste Experimente. Majlinda Lako von der University of Newcastle Upon Tyne möchte vor allem die Grundlagen zur Erzeugung der Hybrid-Embryonen erforschen, während Stephen Minger vom King's College London bereits konkrete Anwendungen vorschweben. Sein Antrag thematisiert die Bildung von Stammzellen von Patienten mit  neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson oder Spinaler Muskeldystrophie. Er verspricht sich davon neue Erkenntnisse über die für die Erkrankungen verantwortlichen Gene. 

Die Experimente sind auch in der amerikanischen und britischen Öffentlichkeit umstritten. Das Center for Genetics and Society aus Oakland/Kalifornien befürchtet, dass das Klonen nicht bei der Bildung von Stammzellen halt machen wird, deren Wert im Übrigen umstritten sei. Die Technik öffne dem reproduktiven Klonen Tür und Tor. Für die britische Society for the Protection of Unborn Children stellt die Entscheidung der HFEA einen „desaströsen Rückschritt für die menschliche Würde“ in Großbritannien dar. Die Kritiker sind überzeugt, dass „subhumane“ Wesen und eine „neue Klasse von Sklaven“ geschaffen werden sollen. © rme/aerzteblatt.de

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