Medikament oder Dopingmittel? Forscher entwickeln Wirkstoff gegen Muskelermüdung
Dienstag, 12. Februar 2008
New York – Ein von US-Forschern gefundener Wirkstoff könnte Marathonläufern und Herzinsuffizienz-Patienten gleichermaßen nützen. Nach einer in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2008; 105: 2198-2202) vorgestellten Studie ist die Muskelermüdung Folge eines Kalziumaustritts in den Muskel, der durch die Substanz S1027 verhindert wird.
Lange Zeit galt Laktat, die für den Muskelkater verantwortliche Milchsäure, die bei relativem Sauerstoffmangel im Muskel anfällt, als einzige Ursache der Muskelermüdung bei Ausdauersportarten. Andrew Marks von der Columbia Universität in New York führt die Erschöpfung dagegen auf eine vermehrte intrazelluläre Freisetzung von Kalziumionen zurück. Kalziumionen steuern im Muskel die Kontraktionen. Dazu werden sie durch Kalziumkanäle aus dem sarkoplasmatischen Retikulum freigesetzt. Diese Kanäle werden über einen Ryanodinrezeptor gesteuert.
Nachdem Marks festgestellt hatte, dass bei Versuchstieren, aber auch bei Ausdauersportlern nach längeren Anstrengungen die Kalziumkanäle in den beanspruchten Muskeln “undicht” werden, begab sich der Kardiologe auf die Suche nach Substanzen, die dies verhindern können. Er fand sie in dem Molekül S107, das der Forscher zu einem Medikament gegen die Herzinsuffizienz entwickeln will. Denn auch bei Patienten mit Herzinsuffizienz kommt es im Herzmuskel, aber auch in der Atemmuskulatur zur intrazellulären Freisetzung von Kalzium, die laut Marks für die von den Patienten oft beklagten Erschöpfungszustände verantwortlich sind.
Ob S107 hier einen klinischen Nutzen hat, ist noch unklar. Für Ausdauersportler könnte die Substanz, die den Rezeptor stabilisiert, jedoch interessant sein. Die (gesunden) Mäuse hielten mit S107 insgesamt 78 Minuten im Laufrad durch, ohne S107 gaben sie nach 65 Minuten auf. Und nach einem dreiwöchigen Schwimmtraining (drei Stunden am Tag) waren die unbehandelten Tiere völlig erschöpft, während die gedopten Tiere noch Reserven hatten.
Als Dopingmittel dürfte S107, eine kleine, offenbar leicht zu synthetisierende Substanz, relativ schnell auf den Schwarzmarkt kommen, bevor es – wenn überhaupt – als Medikament zur Behandlung der Herzinsuffizienz zugelassen wird. Nach Recherchen von Nature sind Dopingexperten der Universität von Kalifornien in Los Angeles bereits auf die Substanz aufmerksam geworden, die sich relativ leicht nachweisen lasse.
Der Kardiologe Marks will dagegen die klinische Entwicklung vorantreiben. Er hat eigens zu diesem Zweck eine Firma (Armgo Pharma) gegründet. Ob sich das Mittel zur Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz eignet, wird man erst in einigen Jahren wissen, da die klinische Forschung - anders als der illegale Handel mit Anabolika - zunächst die Sicherheit der Wirkstoffe prüfen muss. © rme/aerzteblatt.de
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