Medizin

Meta-Analyse: Übergewicht erhöht Risiko vieler Krebsarten

Freitag, 15. Februar 2008

dpa

Manchester – Menschen mit einem erhöhten Body-Mass-Index (BMI) erkranken häufiger an Krebs. Dies kam in einer Meta-Analyse im Lancet (2008; 371: 569-78) heraus. Sie bestätigt im Wesentlichen die Ergebnisse eines Berichts des World Cancer Research Fund (WCRF) aus dem letzten Jahr. Sie zeigt darüber hinaus erstmals, dass das Risiko für Frauen und Männer unterschiedlich ist. Der Wirkungsmechanismus bleibt jedoch bei vielen Tumorarten unklar. Einige Krebserkrankungen sind bei dünnen Menschen häufiger.

Dass Übergewicht mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergeht, ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, berichten Andrew Renehan von der Universität Manchester und Mitarbeiter. Zuletzt hatte der WCRF-Report eine Assoziation des Übergewichts mit einer Reihe von Krebserkrankungen beschrieben. Doch obwohl der 500-seitige WCRF-Report aus dem Jahr 2007 erst wenige Monate zurückliegt, sah das Team, zu dem auch Sozialmediziner aus Bern gehören, die Berechtigung für eine erneute Meta-Analyse: Die neue Analyse wurde um eine Reihe seltener Krebserkrankungen erweitert und erstmals seien geschlechtsspezifische Unterschiede herausgearbeitet worden, schreiben sie.

Die stärkste Assoziation wurde bei Männern mit dem Adenokarzinom des Ösophagus gefunden. Ein Anstieg des BMI um fünf kg/m2 steigert das Risiko um relativ 55 Prozent. Die nächstliegende Erklärung ist die pathogenetische Schiene über den gastroösophagealen Reflux und den Barrett-Ösophagus. Schwerer zu erklären ist ein Anstieg um 33 Prozent pro fünf Punkte auf der BMI-Skala für das Schilddrüsenkarzinom. Danach folgen Kolonkarzinom, Nieren- und Leberkrebs mit jeweils 24 Prozent pro fünf Punkten auf der BMI-Skala.

Eine signifikante Assoziation findet sich ferner für das maligne Melanom (plus 17 Prozent), das multiple Myelom (plus elf Prozent), das Rektumkarzinom (plus neun Prozent), Gallenblasenkrebs (plus neun Prozent), Leukämie (plus acht Prozent), Pankreaskarzinom (plus sieben Prozent), Non-Hodgkin-Lymphom (plus sechs Prozent) und Prostatakarzinom (plus drei Prozent).

Nicht verwunderlich ist, dass beim Lungenkrebs (minus 24 Prozent) und beim Plattenepithelkarzinom des Ösophagus (minus 29 Prozent) eine inverse Assoziation bestand: Diese beiden Krebserkrankungen werden nämlich hauptsächlich durch das Rauchen ausgelöst, das eine anorektische Wirkung hat. Diese beiden Beispiele zeigen aber auch, wie schwierig die Beweisführung auf der Basis von Beobachtungs- und Fallkontrollstudien ist. Es ist immer vorstellbar, dass ein anderer Faktor, der nur zufällig zusammen mit dem Überwicht auftritt, die gefundene Assoziation erklärt.

Bei Frauen ist, ebenfalls nicht überraschend, das Endometriumkarzinom am stärksten mit dem BMI assoziiert. Das Risiko steigt pro fünf Punkte auf der BMI-Skala relativ um 59 Prozent. Hier dürfte die Konversion von Androgenen in Östrogene im Fettgewebe eine Rolle spielen. Sie lässt auch einen Anstieg des postmenopausalen Brustkrebsrisikos erwarten, der mit 12 Prozent pro fünf Punkte auf der BMI-Skala jedoch relativ gering ausfiel. Wesentlich stärker war die Assoziation mit dem Gallenblasenkrebs (plus 59 Prozent), dem Adenokarzinom des Ösophagus (plus 51 Prozent), dem  Nierenkrebs (plus 34 Prozent), der Leukämie (plus17 Prozent), und dem Schilddrüsenkrebs (plus 14 Prozent).

Weitere mit dem BMI assoziierte Krebserkrankungen bei Frauen waren Pankreaskarzinom (plus 12 Prozent), multiples Myelom (plus elf Prozent), Kolonkarzinom (plus neun Prozent) und das Non-Hodgkin-Lymphom (plus sieben Prozent). Wie bei den Männern gab es beim Lungenkrebs (minus 20 Prozent) und beim Plattenepithelkarzinom des Ösophagus (minus 43 Prozent) eine negative Assoziation. Sie bestand außerdem für das prämenopausale Mammakarzinom (minus acht Prozent).

Nach Einschätzung der Editorialisten Susanna Larsson und Alicja Wolk vom Karolinska Institut in Stockholm sprechen konsistente Ergebnisse in Heterogenitäts-Analysen (sie prüfen Abweichungen unter den einzelnen Studien) und Sensitivitäts-Analysen (sie variieren bewusst einige Kofaktoren) dafür, dass Faktoren aus dem Fettgewebe an der Krebsentstehung (oder -förderung) beteiligt sind (Lancet 2008; 371: 536-537). Mögliche Kandidaten sind endogene Hormone (Insulin und verwandte Wachstumsfaktoren, die allerdings nicht im Fettgewebe gebildet werden) und Adipokine. Entzündungsreaktionen, oxidativer Stress und Veränderungen des Immunsystems könnten ebenfalls eine Rolle spielen.

Wenn die Assoziation kausal sein sollte, dann wäre das Übergewicht allein in Großbritannien für 30.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. In den USA wären es zehnmal mehr. Dort hat nach einer anderen Untersuchungen aus dem Jahr 2005 das Übergewicht das Rauchen als wichtigste Ursache für einen vermeidbaren vorzeitigen Tod abgelöst. Das ist allerdings nicht allein Folge des Krebsrisikos. © rme/aerzteblatt.de

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