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Neues Gen der amyotrophen Lateralsklerose entdeckt

Freitag, 29. Februar 2008

London – Eine britisch-australische Forschergruppe ist auf dem Weg zum Verständnis der Pathogenese der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) ein gutes Stück vorangekommen. In Science (2008; doi: 10.1126/science.1154584) berichten sie über die Entdeckung eines Gens auf dem Chromosom 1, das in mutierter Form den selektiven Untergang von Motoneuronen in Gehirn oder Rückenmark auslösen kann.

Vor 15 Jahren wurde bereits einmal ein ALS-Gen entdeckt, ohne dass das Puzzle der Erkrankung gelöst werden konnte. Defekte im Gen für die Kupfer-Zinn-Superoxiddismutase 1 (SOD1) erklären nur drei Prozent der sporadischen und 20 Prozent der familiär gehäuften Erkrankungen. Die pathogenetische Bedeutung von SOD1 wird jedoch zunehmend von Experten infrage gestellt.

Auch die jetzt von der Gruppe um Christopher Shaw vom King's College London beschriebene Mutation im TDP-43 ist selten. Sie wurde nur in vier von 154 Patienten mit einer familiären Form der Erkrankung entdeckt, die wiederum nur einen Anteil von etwa fünf Prozent aller Erkrankungen ausmacht. 

Dennoch sprachen Experten von einem wichtigen Fortschritt. Denn anders als SOD1 lässt sich der Defekt in TDP-43-Gen plausibel mit der Pathogenese der Erkrankung in Verbindung bringen. Das in dem Gen kodierte Eiweiß wird bei der ALS in den Motoneuronen vermehrt abgelagert. Ähnliche Ablagerungen gibt es auch bei der frontobasalen Demenz, wie Forscher der LMU München vor anderthalb Jahren in Science berichteten.

Bislang war es unklar, ob die Ablagerungen Ursache oder Folge der ALS sind. Die Assoziation der Erkrankung mit Mutationen im Gen macht jetzt eine kausale Rolle wahrscheinlich. Dies könnte, wie Shaw gegenüber einer britischen Patientenvereinigung, der Motor Neurone Disease Association, meinte, durchaus einmal zur Entwicklung einer wirksamen Therapie führen. Bis dahin dürfte es jedoch noch mehr als ein Schritt sein.

Das nächste Ziel besteht in der Entwicklung von Tiermodellen (an denen dann Therapien erprobt werden könnten). Shaw hat das defekte Gen bereits Hühnerembryonen ins Erbgut gepflanzt, bei denen es dann auch prompt zu einer Neurodegeneration kam.

Die ALS gehört zu den degenerativen Erkrankungen des Nervensystems. Seine Besonderheit besteht darin, dass ausschließlich Motoneuronen betroffen sind, die im Gehirn und im Rückenmark die Relaisstationen zur Kontrolle der Muskelbewegung sind. Innerhalb weniger Jahren kommt es zu einer irreversiblen Muskellähmung am ganzen Körper und schließlich auch der Atemmuskulatur. 

Bekanntester deutscher Patient war der Maler Jörg Immendorff, der vor einem Jahr der Krankheit erlag. Ob der britische Physiker Stephen Hawking an einer echten ALS leidet, wird dagegen - wegen der mittlerweile über 40 Jahre dauernden Überlebenszeit – bezweifelt. Typischer war der Verlauf bei dem Baseballstar Heinrich Ludwig “Lou” Gehrig, der 1941 mit 37 Jahren starb und nach dem die Erkrankung im angelsächsischen Sprachraum benannt ist. © rme/aerzteblatt.de

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