Medizin

Gentest vor Abacavir-Verordnung: HLA-B*5701 als Kontraindikation

Montag, 10. März 2008

Bonn – Vor einer Behandlung mit den antiretroviralen Medikamenten Ziagen®, Trizivir® und Kivexa® (Wirkstoff: Abacavir) sollte ab sofort ein Gentest das Vorhandensein des Genmarkers HLA-B*5701 ausschliessen. Dies hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) jetzt festgelegt. Damit wird erstmals eine pharmakogenomische Untersuchung zur Grundlage einer medikamentösen Therapie gemacht. Weiter Beispiele könnten folgen.

Das BfArM zieht die Konsequenz aus den Ergebnisse der „Prospective Randomized Evaluation of DNA Screening in a Clinical Trial“ oder PREDICT-1-Studie, die im Juli 2007 auf der International AIDS Society Conference in Sydney vorgestellt und im letzten Monat im New England Journal of Medicine (2008; 358:568-579) publiziert wurden. Diese Studie hatte ziemlich eindeutig gezeigt, dass eine genetische Variante im humanen Leukozytenantigen-System, nämlich das Allel HLA-B*5701, eine wesentliche Ursache für eine Überempfindlichkeitsreaktion ist, die bei fünf bis acht Prozent aller HIV-Patienten unter der Behandlung mit Abacavir  auftritt. 

Den Verdacht hatten vor fünf Jahren australische Immunologen in einer Publikation im Lancet (2002; 359: 727-732) an einer Gruppe von 18 Patienten geäußert. Ihre Ergebnisse wurden – in einer für die Pharmakogenetik einzigartigen Studie – in der PREDICT-1-Studie reproduziert. An der Studie hatten 1.956 Patienten aus 165 Zentren in 19 Ländern teilgenommen. Bei der Hälfte der Patienten war vor der Verordnung von Abacavir ein Gentest auf HLA-B*5701 durchgeführt worden. Keiner der 802 Patienten entwickelte eine immunologisch bestätigte Überempfindlichkeitsreaktion, während diese bei 23 von 842 Patienten (2,7 Prozent) in der Vergleichsgruppe auftrat.

Dies bedeutet zwar nicht, dass alle Überempfindlichkeitsreaktionen vermieden werden, die Zahl aller klinischen Überempfindlichkeitsreaktionen - einschließlich der immunologisch nicht bestätigter Reaktionen – wurde „nur“ von 7,8 auf 3,4 Prozent gesenkt. Dennoch war das Ergebnis eindeutig. Auch der Editorialist Magnus Ingelman-Sundberg vom Karolinska Institut in Stockholm (NEJM 2008; 358: 637-639) hatte sich für ein Screening ausgesprochen, das bei einer Number Needed to Screen von 14 durchaus kosteneffektiv sein könnte.

Auch die Gefahr, dass das Medikament aufgrund der zusätzlichen Kosten künftig gemieden werde, sei gering. In Großbritannien, wo wie in Frankreich und Australien, die Patienten bereits auf HLA-B*5701getestet wurden, seien die Verordnungen des jetzt sicheren Medikamentes sogar angestiegen.

Die Fachinformationen fordern, dass vor Beginn der Behandlung mit Abacavir – unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit – jeder HIV-infizierte Patient auf das Vorhandensein des HLA-B*5701-Allels hin untersucht werden muss. Bei Trägern des HLA-B*5701-Allel sollte Abacavir nicht mehr anwendet werden „außer, wenn basierend auf der Behandlungsgeschichte und den Ergebnissen der Resistenztestung keine andere Therapieoption für diese Patienten verfügbar ist.“

Wichtig ist der Hinweis, dass ein negatives Testergebnis eine Überempfindlichkeitsreaktion nicht völlig ausschließt. Dazu heißt es in der Fachinformation: „Daher ist es auch bei Nichtvorhandensein des HLA-B*5701-Allels wichtig, wegen der Gefahr einer schweren oder lebensbedrohlichen Reaktion Abacavir dauerhaft abzusetzen und Patienten nicht erneut mit Abacavir zu behandeln, wenn eine Überempfindlichkeitsreaktion klinisch nicht ausgeschlossen werden kann.“

Auch bei anderen Medikamenten stehen Tests auf pharmakogenetische Marker bevor. Ingelman-Sundberg nennt als mögliche Kandidaten: 6-Mercaptopurine (TPMT-Mutante), Irinotecan (UGT1A1*28), Marcumar (CYP2C9 und VKORC1), trizyklische Antidepressiva (CYP2D6-Mutante), Carbamazepin (HLA-B*1502) und Ximelagatran (HLA-DRB1*07 und DQA1*02). © rme/aerzteblatt.de

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