Medizin

Absinth: Viel Alkohol, keine psychedelische Wirkung

Freitag, 2. Mai 2008

Karlsruhe – Die Untersuchung von 13 Absinthgetränken aus der Zeit des Fin de siècle entzaubert das damalige „Kultgetränk“ von Künstlern und Schriftstellern. Der Gehalt an Thujon war zu gering, um eine psychedelische Wirkung zu erklären, berichten Wissenschaftler im Journal of Agricultural and Food Chemistry (2008; doi: 10.1021/jf703568f). Einzige Besonderheit des Getränks ist sein hoher Alkoholgehalt.

Lang ist die Liste der Künstler, die glaubten dem Konsum der „bewusstseinserweiternden“ Droge Absinth einen Teil ihrer Kreativität zu verdanken. Van Gogh, Gauguin, Degas, Toulouse-Lautrec, Wilde, Baudelaire, später auch Hemingway und Picasso sollen dem hochprozentigen Kräuterschnaps zugetan gewesen sein. Noch länger war die Liste der meist namenlosen Menschen, bei denen das Getränk zum körperlichen und geistigen Verfall führte, weshalb es in den meisten europäischen Ländern Anfang des 20. Jahrhunderts verboten wurde – übrigens auch wegen der Sorge um die Wehrtüchtigkeit junger Männer im Ersten Weltkrieg.

Damals wurde vermutet, dass der Absinthismus durch das ätherische Öl Thujon verursacht wird, das Bestandteil der zahlreichen Kräuter ist, aus denen die Spirituose hergestellt wird. Der Konsum soll nach anfänglichem Wohlbefinden Halluzinationen auslösen, denen eine tiefe Depression folgt. Später soll es dann zu dauerhaften Hirnschäden kommen, die unter Krämpfen mit dem Tod enden können.

Seit einigen Jahren ist Absinth wieder auf dem Markt, und es wurde die Besorgnis geäußert, dass eine Epidemie des Absinthismus wie ein Jahrhundert zuvor, drohe. Dies hat sich bisher nicht bewahrheitet. Aber auch die legendären psychedelischen Wirkungen entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, wie die Untersuchung von Dr. Dirk Lachenmeier und Mitarbeitern des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes in Karlsruhe zeigen. Die Forscher haben seit 2004 weltweit nach noch erhaltenen Getränken aus der Zeit vor dem Verbot von 1915 geforscht. Sie konnten 13 Proben chemisch untersuchen.

Ihr Ergebnis: Der Thujongehalt war deutlich niedriger als früher angenommen wurde. Statt den 260 mg/l, von denen in einer früheren Publikation die Rede war, wies Lachenmeier nur zwischen 0,5 und 48,3 mg/l nach. Das sind in etwa die Konzentrationen, die das Bundesinstitut für Risikobewertung vor fünf Jahren in aktuellen im Handel befindlichen Absinthgetränken gemessen hatte (BgVV Heft 08/2002), und die damit meist unter dem EU-Grenzwert von 35 mg/l liegen. Diese Konzentrationen sind zu gering, um einen Absinthismus zu erklären, finden die Autoren.

Auch die Konzentration anderer potenzieller Schadstoffe wie Pinocamphon, Fenchon, Alkoholverunreinigungen, Kupfer und Antimon lagen in einem unverdächtigen Bereich. Wenn, dann schadet Absinth allein durch seinen hohen Alkoholgehalt, der bei 70 Volumenprozent liegt. Er ist der Grund, warum das Getränk in der Regel nur mit Wasser verdünnt genossen wird. Wie bei allen alkoholischen Getränken, kann ein unmäßiger Konsum akut zur Intoxikation führen und langfristig die neurologischen Schäden auslösen, die sich in den historischen Beschreibungen des Absinthismus finden. © rme/aerzteblatt.de

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