Medizin

Schützt Ibuprofen vor Morbus Alzheimer?

Dienstag, 6. Mai 2008

Boston – Die langfristige Einnahme des nicht steroidalen Antiphlogistikums (NSAID) Ibuprofen war in einer Fall-Kontroll-Studie in Neurology (2008; 70: 1672-1677) mit einem signifikant verminderten Risiko auf die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz assoziiert. Bei anderen NSAID bestand dieser Zusammenhang nicht. Die Studie wirft erneut die Frage nach einer möglichen protektiven Wirkung dieses häufig eingesetzten Medikaments auf – ohne sie beantworten zu können. 

NSAID greifen auf verschiedene Weise in die Pathogenese des Morbus Alzheimer ein. In präklinischen Studien wurden mehrfach günstige Effekte auf den Krankheitsverlauf gefunden. Es hat auch nicht an Beobachtungsstudien gefehlt, in denen eine zum Teil außerordentlich starke protektive Wirkung ermittelt wurde.

Die bekannteste war vermutlich die prospektive Kohortenstudie von Bas in't Veld von der Erasmus Universität in Rotterdam und Mitarbeitern, die eine Reduktion der Erkrankungszahlen um bis zu 80 Prozent errechnete (NEJM 2001: 345: 1515-1521). Dies hat dann zur Durchführung der Alzheimer's Disease Anti-inflammatory Prevention Trial (ADAPT) geführt, in dem mehr als 2.500 Teilnehmer täglich Celecoxiub oder Naproxen oder Placebo einnahmen.

Ohne Erfolg: Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen konnte gegenüber Placebo nicht gesenkt werden (Neurology 2007; 68: 1800-1808). Im Gegenteil: Die Studie wurde im Dezember 2004 abgebrochen, nachdem es unter Naproxen zu einem Anstieg von kardiovaskulären Komplikationen gekommen war. Diese Studie zeigt, dass Beobachtungsstudien eine äußerst zweifelhafte Grundlage für therapeutische Entscheidungen sind.

Dies trifft auch auf Fall-Kontroll-Studien zu, wie die von Steven Vlad von der Universität Boston, der die Daten der Veteranenbehörde in Bedford/Maryland ausgewertet hat. Dabei stellte er fest, dass die rund 50.000 Veteranen, die an einem Morbus Alzheimer erkrankt sind, seltener als circa 200.000 Kontrollen mit NSAID behandelt worden waren.

Dies lässt auf eine protektive Wirkung schließen, wofür auch eine Abhängigkeit von der Dauer der NSAID-Einnahme spricht: Veteranen, die NSAID länger als 5 Jahre eingenommen hatten, erkrankten zu 24 Prozent seltener an einer Demenz (Odds Ratio 0,76; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,68 bis 0,85). Besonders stark war die protektive Wirkung bei Ibuprofen.

Eine Einnahmedauer von mehr als fünf Jahren war mit einer 44-prozentigen Reduktion des Alzheimerrisikos assoziiert (Odds Ratio 0,56; 0,42–0,75). Für andere NSAID, darunter die Coxibe, wurde hingegen keine präventive Wirkung gefunden. Wurde die ADAPT-Studie also mit den falschen Medikamenten durchgeführt?

Diese Frage lässt sich derzeit nicht beantworten. Es bleibt abzuwarten, ob die jetzige Studie Anlass zu einer weiteren randomisierten kontrollierten Studie sein wird. Deren Ausgang lässt sich nicht vorhersagen und die ADAPT-Studie dürfte eine Mahnung sein, dass der gut gemeinte Einsatz eines vermeintlich harmlosen Medikamentes durchaus mehr Schaden als Nutzen verursachen kann. © rme/aerzteblatt.de

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