Medizin

Psychiatrie: Häufige Interessenkonflikte der DSM-V-Autoren

Mittwoch, 7. Mai 2008

Arlington – Die American Psychiatric Association (APA) hat die Autoren für die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) bekannt gegeben. Dass mehr als die Hälfte Interessenkonflikte mit der Pharmaindustrie hat, sorgt für Kritik.

Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen, so die wörtliche Übersetzung, erschien erstmals 1952. Es liegt aktuell in der vierten Auflage (DSM-IV) vor, die 1994 veröffentlicht und 2000 überarbeitet wurde. Für 2012 ist eine grundlegend überarbeitete fünfte Auflage (DSM-V) geplant.

Vor zwei Jahren stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte der Autoren des DMS-IV in den Jahren vor 1994 Gelder von Herstellern der Medikamente erhalten hatte, deren Einsatz sich auf die Definition der im Manual genannten psychiatrischen Erkrankungen gründet.

Sicherlich erhielten die Autoren, allesamt angesehene Experten auf ihrem Gebiet, kein Geld dafür, bestimmte Krankheiten besonders hervorzuheben, um den Einsatz von Medikamenten und damit den Gewinn der Hersteller zu steigern. Die meisten Interessenkonflikte bestanden darin, dass die Experten als Redner auf Kongressen oder als Gutachter für die Firmen tätig waren. Einige wurden auch für die Durchführung von Studien bezahlt. Dies schließt jedoch nicht aus, dass die finanziellen Zuwendungen die Objektivität der Autoren getrübt haben könnte.

Gerade in der Psychiatrie ist diese Gefahr nicht von der Hand zu weisen, beruht die Definition der meisten Erkrankungen doch allein auf deren textlicher Beschreibung. Kurz: Das Ansehen der „Bibel“ der US-Psychiater, die auch in anderen Ländern zum Standard gehört, hat durch die Affäre gelitten.

Dem wollte die APA jetzt vorbeugen, indem sie die 28 Autoren der Neuauflage aufforderte, ihre Interessenkonflikte vor Aufnahme der Arbeiten offen zu legen. Außerdem mussten sie sich verpflichten, während der Zeit ihrer Mitarbeit nicht mehr als 10.000 US-Dollar pro Jahr durch Tätigkeiten für die Hersteller einzunehmen. Für einige der Autoren dürfte dies mit finanziellen Einbußen gegenüber früheren Jahren einhergehen.

Zwar erwähnt das Dokument der APA nicht, wie viel die einzelnen Forscher in der Zeit seit 2005 erhalten haben. Rein numerisch ist das Ausmaß der Interessenkonflikte jedoch beträchtlich. Mehr als die Hälfte der Autoren meldete Einkünfte von der Pharmaindustrie an. Der Leitautor William Carpenter Jr. von der Universität von Maryland in Baltimore hat –  nur in den letzten drei Jahren – Gelder von 13 Firmen erhalten, darunter von Pfizer, Eli Lilly, Wyeth, Merck (MSD), Astra Zeneca und Bristol-Myers Squibb.

Dass allein die Nennung dieser früheren Interessenkonflikte und das Versprechen, die Einkünfte aus diesen Quellen in den nächsten Jahren zu beschränken, die Unabhängigkeit der Psychiater sicherstellt, wird vielfach bezweifelt, wie die lange Liste der Leserkommentare zu einem Bericht in der New York Times zeigt. Einige Leser sind schockiert, dass die Pharmaindustrie Einfluss auf die Diagnose psychiatrischer Erkrankungen nimmt und sei es nur in der Form, dass Definitionen wie etwa zum Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) so allgemein gefasst sind, dass praktisch jeder darunter falle.

Es wird auch der Verdacht des „disease mongering“ geäußert, nach dem bestimmte Erkrankungen „erfunden“ werden, um Menschen zu behandeln. Ein häufig genanntes Beispiel ist die Klassifizierung der Schüchternheit als Soziophobie. Einige Leser fragen sarkastisch, ob es überhaupt noch Ärzte gebe, die kein Geld von den Herstellern erhalten. Es gibt jedoch auch Stimmen, die zu bedenken geben, dass ohne die Unterstützung der Industrie kaum noch Arzneimittelforschung betrieben würde, was den Patienten dann auch nicht zugute käme. © rme/aerzteblatt.de

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