Ausland

Großbritannien erlaubt Herstellung von Mensch-Tier-Embryonen

Dienstag, 20. Mai 2008

London – Das britische Parlament hat Forschern die Herstellung von Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren erlaubt. Ein Versuch, die sogenannten Hybriden verbieten zu lassen, war am Montagabend nach dreistündiger Unterhaus-Debatte mit einer deutlichen Mehrheit von 336 zu 176 Stimmen gescheitert.

Die Abstimmung war Teil der Beratungen über ein Gesetzesvorhaben, das den Umgang mit Embryonen neu regeln soll. Dem Entwurf zufolge müssen Tier-Mensch-Embryonen allerdings nach spätestens zwei Wochen zerstört werden und dürfen nicht in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt werden. Wissenschaftler erhoffen sich neue Therapiemethoden für Krankheiten wie Alzheimer oder Mukoviszidose.

„Wenn wir heute die Schaffung von Hybrid-Embryos zulassen, was werden wir beim nächsten Mal zulassen, ohne zu wissen, wo es hinführt?“, fragte der ehemalige Labour-Minister Sir Gerald Kaufman während der Parlamentsdebatte. Die Forschung überschreite die „fundamentalen Grenzen zwischen Mensch und Tier“, meinte der Konservative Edward Leigh. Zudem gebe es keine „überzeugenden wissenschaftlichen Belege“ für deren Nutzen.

Die britischen Medien reagierten freilich überwiegend positiv auf die weltweit liberalste Gesetzgebung in der Forschung mit Hybriden. Die Tageszeitung „The Independent“ nennt die Entscheidung „bahnbrechend“ für die Forschung, die „Millionen Leben retten“ könnte. Der „Guardian“ preist einen „Sieg der Vernunft“. Auch die konservative „Times“ begrüßt die Tatsache, dass die Mensch-Tier-Embryos zur Erforschung „verheerender Krankheiten“ wie Alzheimer und Parkinson genutzt werden dürften.

Eine Forschergruppe, die am Londoner Institut für Psychiatrie mit Muskelkrankheiten arbeitet, hatte die Entscheidung ebenfalls mit großer Hoffnung erwartet. Die Mensch-Tier-Embryos könnten helfen, „Therapien für bisher unheilbare Krankheiten zu finden“, wird der Leiter der Forschungsgruppe Chris Shaw von der „Times“ zitiert. Premierminister Gordon Brown und Gesundheitsminister Alan Johnson hatten die Regierungsvorlage zuvor als medizinisch notwendig verteidigt.

Kritisch reagierte die katholische Kirche in England und Wales. Sie hatte sich schon im Vorfeld wiederholt gegen die Gesetzesnovelle und die embryonale Stammzellenforschung ausgesprochen. „Wir sind enttäuscht, dass die Abstimmung so ausgegangen ist“, sagte der Vize-Generalsekretär der Bischofskonferenz, Charles Wookey. Auch seien einige Teile der Gesetzesvorlage erst „relativ spät“ hinzugefügt worden. So habe die Öffentlichkeit nur wenig Zeit gehabt, die „neuen Fragen“ angemessen zu diskutieren.

Als „wissenschaftlich unsinnig und ethisch unverantwortbar“ bezeichnet der Europaabgeordnete Peter Liese (CDU) das neue britische Embryonen-Klongesetz. Der Bioethik-Sprecher der christdemokratisch-konservativen EVP-Fraktion sagte am Dienstag in Straßburg, die Herstellung embryonaler Stammzellen durch Klonen sei ein Irrweg. Die Einbringung von tierischem Erbgut, wie sie mit dem neuen Gesetz in Großbritannien gestattet wird, verkompliziere die bestehenden Probleme.

Liese sagte, es sei kein Trost, dass die Mischwesen aus Tier und Mensch nach kurzer Zeit zerstört werden sollten. Wenn die Technik erst einmal erforscht sei, werde es für verwirrte Forscher leichter sein, solche Lebewesen auswachsen zu lassen.

Die Entscheidung des Unterhauses legitimiert einerseits eine bereits geltende Praxis. Im April war bekanntgeworden, dass Wissenschaftler der Universität Newcastle mit einer Sondergenehmigung der Embryologie-Behörde HFEA erstmals menschliches Erbgut aus einer Hautzelle in die ausgehöhlte Eizelle einer Kuh eingefügt hatten.

Andererseits erlaubt die neue Gesetzgebung aber auch die Schaffung sogenannter echter Hybride, für die tierische Eizellen mit menschlichem Sperma oder menschliche Eizellen mit tierischem Sperma verschmolzen werden. Für den schottischen Kardinal Keith O'Brien hat solche Forschung „Frankenstein-Dimensionen“. © afp/kna/aerzteblatt.de

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