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Herdentrieb der Raucher – Abstinenz als Netzwerkphänomen

Donnerstag, 22. Mai 2008

Boston – Wer es endlich geschafft hat, fühlt sich wie ein Held. Immerhin kostet es erhebliche Anstrengungen und häufig auch Geld (für Nikotinpflaster und Selbsthilfe-Ratgeber), bevor ihr stählerner Wille die Sucht besiegt, so glauben viele. In Wirklichkeit folgen Raucher in ihren Abstinenzversuchen eher einem Herdentrieb, schreiben Forscher im New England Journal of Medicine (NEJM 2008; 358:2249-2258). Ob Menschen das Rauchen aufgeben, hängt danach sehr stark davon ab, ob andere Menschen im sozialen Umfeld es ebenfalls geschafft haben.

Im letzten Jahr verblüffte der Soziologe Nicholas Christakis von der Harvard Universität in Boston die Fachwelt durch eine Studie, die nachwies, dass Übergewicht in Verwandtschaft und im Bekanntenkreis ein stärkeres Adipositasrisiko sind als die Gene, die gerne als Entschuldigung angeführt werden, wenn wieder einmal eine Diät gescheitert ist (NEJM 2007; 357: 370-379).

Christakis hatte die Daten der Framingham Heart Study analyiert. Dabei war er auf Cluster von dünnen und dicken Menschen gestoßen, deren Mitglieder durch soziale Bande miteinander verknüpft waren: Wer Menschen kennt, die übergewichtig sind, neigt selber zum Bauchansatz und dies häufig über mehrere Stationen des Netzwerkes hin. Auch Freunde von Freunden von Freunden, die man selbst vielleicht gar nicht kennt, können ein Risikofaktor sein. Die Bezeichnung “dicke” Freunde erhielt durch diese Studie eine neue Bedeutung.

Das gleiche gilt für Raucher, die einen Abstinenzversuch starten. Wer hier erfolgreich sein will, sollte zunächst einmal den Bekanntenkreis analysieren. Befinden sich darunter viele aktive Raucher, sind die Chancen das Laster zu beenden, eher gering. Freunde von Rauchern rauchen zu 61 Prozent häufiger, und für die Freunde der Freunde ist das Risiko noch um 21 Prozent erhöht, selbst wenn man diese Personen gar nicht kennt.

Glücklich sein kann, wer einen Lebenspartner hat, der dem Rauchen bereits abgeschworen hat. Die Erfolgschancen des eigenen Abstinenzversuchs steigen um 67 Prozent. Auch Geschwister können ein gutes Vorbild sein (plus 25 Prozent). Günstiger ist es aber, wenn ein Freund es bereits geschafft hat (plus 36 Prozent) oder wenn ein Mitarbeiter am Arbeitsplatz sich für rauchfrei erklärt (plus 34 Prozent), was aber nur in kleinen Firmen funktioniert.

Der Einfluss von Nachbarn bleibt – zumindest in den zersiedelten Vororten amerikanischer Vorstädte – unbedeutend. Überhaupt spielt räumliche Nähe kaum eine Rolle. Das gute Beispiel von Freunden oder Verwandten wirkt auch dann, wenn sie weit entfernt wohnen und man sie – anders als den Nachbarn – selten oder gar nicht sieht.

Rauchen ist zunehmend ein Zeichen von Bildungsmangel. In den USA rauchen 25 bis 43 Prozent der Menschen ohne höheren Schulabschluss. Unter den Akademikern sind es nur sieben Prozent, unter den Ärzten nur ein Prozent (MMWR 2006; 55: 1145-8).

Nach der Studie von Christakis kann es sich lohnen, seine Freunde nach dem Bildungsstand auszuwählen. Nicht mehr rauchende Freunde mit höherer Bildung erhöhen die eigenen Abstinenzchancen um mehr als 50 Prozent, in bildungsfernen Schichten beeindruckt das gute Beispiel der Bekannten jedoch nicht. Die soziale Stigmatisierung des Rauchers wirkt also dort am wenigsten, wo sie am meisten benötigt würde.^

Für Gesundheitsplaner bedeuten die Ergebnisse, dass die rezeptfreie Abgabe von Abstinenzhilfen wie Nikotinpflaster eventuell weniger effektiv ist, als gezielte Maßnahmen in Peer-Gruppen, also die Unterstützung von kleineren Betrieben oder Schulen, vielleicht auch die Gruppentherapie für Familien. © rme/aerzteblatt.de

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