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Hormontherapie und Brustkrebs – Deutsche Daten jetzt publiziert – Keine Entwarnung

Montag, 9. Juni 2008

Köln – Eine Hormontherapie (HT) über mehr als fünf Jahre erhöht das Brustkrebsrisiko; es sinkt jedoch relativ rasch nach dem Absetzen wieder auf Normalwerte. Dieses Ergebnis der bevölkerungsbasierten deutschen Fall-Kontroll-Studie MARIE (Int J Cancer, DOI 10.1002/ijc.23655) stimmt weitgehend mit den großen Untersuchungen aus dem Ausland überein. Anders als in der Women´s Health Initiative (WHI) ist aber nicht nur die Kombinationsbehandlung, sondern auch die reine Estrogentherapie mit einem erhöhten Mammakarzinomrisiko verknüpft. 

MARIE steht für Mammakarzinom-Risikofaktoren-Erhebung, bei der die Daten von 3.464 Frauen mit histologisch gesichertem Brustkrebs und 6.657 Kontrollen im Alter zwischen 50 und 74 Jahren verglichen wurden. Die Erhebung (von 2002 bis 2005) fand in Hamburg und der Region Rhein-Neckar unter der Leitung von Wilhelm Braendle und Jenny Chang-Claude statt. Alle neu erkrankten Patientinnen mit invasiven und In-situ-Mammakarzinomen wurden in strukturierten Interviews befragt.

Knapp 3.800 Frauen hatten nie Hormone eingenommen, rund 6.300 gaben an, eine HT – überwiegend mit Tabletten – durchgeführt zu haben (68 Prozent der Fälle, 60 Prozent der Kontrollen), 3.800 wandten sie aktuell an (47 beziehungsweise 33 Prozent). In dieser Gruppe war das Brustkrebsrisiko am stärksten erhöht: Die Wahrscheinlichkeit für ein Mammakarzinom lag mit einer Odds Ratio (OR) von 1,73 deutlich höher als bei Frauen nach Absetzen einer HT (OR 0,98) oder „hormonnaiven“ Frauen (OR 1,37). Die Inzidenz stieg mit der Dauer der Therapie bis zu einem Intervall von 15 Jahren und fiel dann wieder ab. Fünf Jahre nach Absetzen war das Risiko nicht mehr erhöht, auch bei Frauen mit über zehnjähriger Hormoneinnahme.

Diese Ergebnisse weisen für Braendle eindeutig darauf hin, dass die HT die Proliferation bestehender Mammakarzinomen beeinflusst und sie nicht initiiert. Deshalb erwartet er nach dem Rückgang der Inzidenz in den Krebsregistern aufgrund der gefallenen Verordnungszahlen für die Zukunft – mit einer gewissen Latenzzeit – auch wieder einen Anstieg.

Deutliche Unterschiede zeigten sich bei der Analyse nach dem
Typus der HT: Bei kombinierter Gabe errechnete sich ein höheres Risiko als unter Estrogen-Monotherapie (OR 1,99 versus 1,15); die kontinuierlich-kombinierte Einnahme schnitt dabei – vermutlich bedingt durch die höheren Hormondosen –  schlechter ab als die zyklische (OR 2,10 versus 1,64).

Aufgeschlüsselt nach dem Typ des Gestagens in der Kombination zeigte sich dies sowohl in Norethisteronacetat- als auch bei Levonorgestrel-Derivaten in einer höheren Inzidenz invasiver ductaler und lobulärer Karzinome, das Risiko war bei Progesteron-Abkömmlingen geringer (OR 2,27 versus 1,47).

„Insgesamt scheint jedoch die spezifische  Gestagenkomponente weniger wichtig zu sein als die Gesamtdosis“, kommentieren die Autoren. Braendle betont deshalb, bei Verordnungen immer die niedrigste mögliche Dosis zu bevorzugen.

Eine Anpassung der Dosis ist den Daten zufolge gerade bei schlanken Frauen sinnvoll: Die Aufschlüsselung des Risikos nach Body-Mass-Index bestätigte vorausgegangene Studien, nach denen adipöse Frauen (BMI >30 kg/m2) unter einer HT ein signifikant niedrigeres Risiko laufen als normalgewichtige oder schlanke Patientinnen (OR 1,17 versus 1,46 bei BMI <22,5).

„Um die Sicherheit der Hormongabe zu erhöhen, ist bei den leichtgewichtigen Frauen deshalb besonders auf eine möglichst niedrige Dosierung zu achten. Die Industrie bietet dafür entsprechende Fertigpräparate an. Bei Monopräparaten ist es auch möglich, Tabletten zu teilen. Gele erleichtern die individuelle Anpassung“, erklärt Braendle die praktischen Konsequenzen.

Die Daten der deutschen Erhebung zum Brustkrebsrisiko unter HT bestätigen damit im Großen und Ganzen die aus England und den USA erhobenen Zusammenhänge, weisen aber auch fassbare Unterschiede auf: Die Inzidenz von Mammakarzinomen stieg in der deutschen Untersuchung auch bei Estrogen-Monotherapie, ebenso wie in der englischen Million Women Study und der französischen E3N-Studie – im Gegensatz dazu stehen die Resultate der WHI-Studie, in deren Monoarm kein erhöhtes Brustkrebsrisiko ermittelt wurde.

Eine Erklärung hierfür steht ebenso aus wie für die Frage, ob und warum unterschiedliche Gestagentypen das Risiko beeinflussen. Aufschluss hierüber erwartet Braendle vom zweiten Teil der laufenden Studie des BMBF, in der die Auswirkungen der HT auf Genexpressionsmuster geprüft werden. © Dr. rer. nat. Renate Leinmüller/aerzeblatt.de

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