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Bleiexposition behindert Hirnwachstum und fördert Kriminalität

Mittwoch, 28. Mai 2008

Cincinnati – Eine hohe Bleibelastung behindert die Hirnentwicklung bei Kindern und fördert die Kriminalität im Jugendalter. Zu diesem Ergebnis kommen zwei US-Studien in PLoS Medicine 2008; 5: e101 und e112). Auch in Deutschland sind viele Kinder noch mit Blei im Trinkwasser exponiert.

Dass Blei das Nervensystem schädigt, ist unbestritten und durch Tierexperimente ausreichend belegt. Beim Menschen kommt es ab Blutkonzentrationen von etwa 100 µg/dl zu einer klinischen Enzephalopathie. Die Exposition der Bevölkerung durch Blei, die heute in der Regel über alte Wasserleitungen erfolgt, ist zwar geringer, der Unterschied ist aber nicht so deutlich, wie vielfach vermutet.

Die Kinder der Jahrgänge 1979 bis 1984, die an der Cincinnati Lead Study teilnahmen, hatten zwischen vier und 37 µg/dl Blei im Blut. Die Belastung begann bereits vor der Geburt – im Blut der Schwangeren wurden im Durchschnitt 8,3 µg/dl Blei gemessen – und die chronische Exposition wurde bis ins Alter von sechseinhalb Jahren dokumentiert. Es handelte sich um Kinder aus innerstädtischen Stadtteilen, in denen es in der Vergangenheit häufiger zu Bleivergiftungen gekommen war.

Die 376 Teilnehmer haben inzwischen das Erwachsenenalter erreicht. Im Alter von 15 bis 17 Jahren war bei 157 von ihnen eine Kernspintomografie des Gehirns angefertigt worden. Die jetzt von Kim Dietrich von der Universität in Cincinnati/Ohio vorgestellten Daten dokumentieren erstmals, dass eine chronische Bleiexposition auch unterhalb der Schwelle zur klinisch manifesten Enzephalopathie mit Entwicklungsstörungen des Gehirns führen kann.

Zwar war der Einfluss gering, die Gesamtmasse der grauen Hirnsubstanz variierte um 1,2 Prozent. Doch die inverse Assoziation zwischen den Bleikonzentrationen im Blut und der Größe der grauen Hirnsubstanz war dosisabhängig: Je größer die Bleiexposition, desto kleiner das Gehirn. Nicht alle Hirnregionen werden gleichermaßen geschädigt. Besonders stark betroffen sind laut Dietrich die Hirnregionen, welche die Feinmotorik steuern, und solche, die für exekutive Aufgaben zuständig sind, die also das Handeln, die Entscheidungen und das Verhalten beeinflussen.

Dieser Befund passt zu einer weiteren Analyse der Arbeitsgruppe. Dietrich kann zeigen, dass mit der Bleikonzentration im Blut die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Kinder im Jugendalter straffällig werden. Mit jedem Anstieg der Bleikonzentration im Blut um fünf µg/dl (gemessen im Alter von sechs Jahren) stieg das Risiko, als junger Erwachsener wegen krimineller Handlungen verhaftet zu werden, um fast 50 Prozent (Relatives Risiko 1,48; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,15-1,89).

Streng genommen ist die Studie nicht beweiskräftig, zumal Heranwachsende in Innenstadtbereichen der USA noch anderen Risikofaktoren ausgesetzt sind, die sie kriminell werden lassen.

Die Dosis-Wirkungsbeziehung ist aber ein klarer Hinweis auf eine Kausalität, meint auch der Editorialist David Bellinger von der Harvard Medical School in Boston (PLoS Medicine 2008; 5: e115). Er verweist jedoch auch darauf, dass die Bleiexposition in den USA in den letzten 20 Jahren deutlich abgenommen hat. Der Anteil der Kinder mit Bleikonzentration im Blut von über 10 µg/dl ist von 16,5 Prozent in der Cincinnati Lead Study auf heute 2,3 Prozent gesunken. Bellinger sieht hierin einen deutlichen Erfolg der Public-Health-Forschung, die auf das Verbot von Blei in Wasserleitungen, in Kraftstoffen und in Farben gedrungen hat.

Die Studie ist durchaus auch für Deutschland relevant. Die Blutbleibelastung der Kinder hat zwar auch hierzulande in den letzten Jahrzehnten signifikant abgenommen. Nach den Ergebnissen des Kinder-Umwelt-Surveys lag der mittlere Bleigehalt im Vollblut der drei- bis 14-jährigen Kinder in Deutschland in den Jahren 2003/06 aber noch bei 16,3 µg/l. Sie dürfte in den nächsten Jahren weiter sinken.

Die Trinkwasserverordnung vom Januar 2003 schreibt einen Grenzwert von Blei im Trinkwasser, heute die wichtigste Art der Exposition, von 25µg/l vor (davor 40 µg/l). Ab 2013 soll der Grenzwert auf 10µl/l gesenkt werden. Mit dieser Menge sind nach Auskunft des Umweltbundesamtes derzeit noch drei Prozent aller Kinder exponiert. © rme/aerzteblatt.de

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