Medizin

Demenz: FDA erweitert Warnhinweise zu Antipsychotika

Dienstag, 17. Juni 2008

Washington – In den USA muss jetzt auch in den Fachinformationen der konventionellen Antipsychotika vor einem erhöhten Sterberisiko gewarnt werden, das beim Off-label-Einsatz der Medikamente bei älteren Menschen mit Demenz besteht. 

Viele Demenzkranke neigen zu aggressiven Verhaltensweisen, die Pflegekräfte und Angehörige stark belasten. Dann kommen häufig Antipsychotika zum Einsatz, welche die demenzbedingte Psychose lindern, das Leben der Patienten jedoch unter Umständen verkürzen. Auf diese Gefahr hatte 2005 eine Meta-Analyse von 17 randomisierten klinischen Studien hingewiesen. Sie hatte gezeigt, dass der Einsatz von atypischen Antipsychotika das Sterberisiko im Vergleich zu Placebo um 60 bis 70 Prozent erhöht. Die FDA verfügte deshalb eine “Boxed-Warning” in den Fachinformationen dieser Medikamente. 

Viele Mediziner wichen daraufhin auf die älteren konventionellen Antipsychotika aus, die zwar schlechter verträglich sind und zu - unter Umständen irreversiblen – extrapyramidalen Störungen führen. Doch dies schien gegenüber einem Anstieg der Sterblichkeit das geringere Übel zu sein.

Zwei kürzlich publizierte Beobachtungsstudien stellen diese Annahme jedoch infrage. Sudeep Gill und Mitarbeiter vom St. Mary’s of the Lake Hospital in Kingston, Ontario, bestätigten in ihrer retrospektiven Kohortenstudie zum einen, dass der Einsatz von atypischen Antipsychotika gegenüber dem Verzicht auf eine Therapie das Sterberisiko erhöht – und zwar bereits ab dem 30. Tag nach Beginn der Therapie.

Gleichzeitig kamen die Forscher zu dem Schluss, dass das Sterberisiko unter dem Einsatz von konventionellen Antipsychotika keineswegs geringer, sondern im Gegenteil noch geringfügig höher ist (Annals of Internal Medicine 2007; 146: 775-786). In einer weiteren retrospektiven Kohortenstudie führten Sebastian Schneeweiss vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und Mitarbeiter einen direkten Vergleich von konventionellen und atypischen Antipsychotika durch.

Auch sie kamen zu dem Schluss, dass das Sterberisiko unter den konventionellen Antipsychotika wenigstens so hoch ist wie bei den atypischen Antipsychotika, wenn nicht noch höher (CMAJ 2007; 176: 627-632).

Methodologische Schwächen beider Studien verhindern nach Einschätzung der FDA den Schluss, dass die konventionellen Antipsychotika tatsächlich riskanter sind als die atypischen Antipsychotika. Wahrscheinlicher scheint der FDA – auch aufgrund des weitgehend identischen Wirkungsmechanismus –, dass beide Wirkstoffgruppen in gleicher Weise das Sterberisiko erhöhen, wenn sie bei älteren dementen Menschen zur Behandlung einer Psychose eingesetzt werden.

Die FDA weist darauf hin, dass beide Medikamentengruppen für diese Behandlung keine Zulassung haben. Die Ärzte werden aufgefordert, die Angehörigen auf die Risiken der Medikamente hinzuweisen und nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten zu suchen, was allerdings schwer fallen dürfte. Denn zur Behandlung von Psychosen bei Demenzpatienten gibt es nach Auskunft der FDA derzeit keine zugelassenen Medikamente. © rme/aerzteblatt.de

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