Medizin

Kurzzeitgedächtnis als Verbindung zwischen Marihuana-Konsum und Schizophrenie

Dienstag, 8. Juli 2008

Pittsburgh – US-Psychiater sind auf eine Verbindung zwischen dem Endocannaboidsystem des Gehirns und der Schizophrenie gestoßen. Ihre Studie in den Archives of General Psychiatry (2008; 65: 772-784) liefert eine Erklärung für das erhöhte Psychoserisiko von Cannabiskonsumenten, könnte aber auch einen Weg zu neuen Therapie der Schizophrenie öffnen. 

Gelegentliche Cannabiskonsumenten mögen dies nicht gerne lesen, aber der Konsum der Droge ist, vor allem wenn er in der Adoleszenz betrieben wird, eng mit einer Schizophrenie assoziiert. Dies hat eine Reihe von epidemiologischen Studien ergeben.

Außerdem zeigt die klinische Erfahrung, dass der Konsum der Droge die Prognose der Erkrankung verschlechtert, und als drittes führt der Cannabiskonsum zu den gleichen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, die auch bei der Schizophrenie beobachtet werden. In diesem Punkt vermutet der Hirnforscher David Lewis von der Universität Pittsburgh eine Verbindung zwischen der Psychose und dem Drogenkonsum.

Eine für das Kurzzeitgedächtnis wichtige Hirnregion ist der dorsolaterale präfrontale Cortex (DLPFC), wo der Neurotransmitter GABA (Gama-Aminobuttersäure) von zentraler Bedeutung für die kognitiven Fähigkeiten ist. Interessanterweise wird in DLPFC auch der Cannabinoid 1-Rezeptor (CB1R) exprimiert, einer der beiden Bindungsstellen für die körpereigene Cannabisdroge.

Experimentelle Studien haben laut Lewis ergeben, dass eine Aktivierung von CB1R (etwa durch den Konsum der Cannabisdroge Marihuana) die Konzentration von GABA senkt und damit die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses einschränkt. 

Lewis hat nun in den Hirnpräparaten von 23 Verstorbenen, bei denen zu Lebzeiten eine Schizophrenie diagnostiziert wurde, die Konzentration von CB1R (mittels In-situ-Hybridisierung der Messenger-RNA und Immunozytochemie des Proteins) bestimmt. Ergebnis: Die Expression von CB1R war vermindert. Lewis deutet dies als einen kompensatorischen Mechanismus. Er sieht darin einen Versuch des Gehirns, einer verminderten GABA-Bildung entgegenzusteuern (und so das Kurzzeitgedächtnis zu verbessern).

Dafür spricht, dass auch die Konzentration eines GABA-produzierenden Enzyms im Hirngewebe vermindert war – ebenso die Bildung von Cholecystokinin, einem Neuropeptid, das von GABA-Neuronen freigesetzt wird und dessen Aufgabe unter anderen in der Regulierung der Cannaboidproduktion im Gehirn bestehen könnte.

Das Konzept ist in sich schlüssig. Wenn die Downregulierung von CB1R der Versuch ist, die GABA-Bildung zu steigern, dann würde der Marihuana-Konsum der Patienten dies negativ verstärken. Er würde die GABA-Produktion weiter verringern und die Störung des Kurzzeitgedächtnisses verschärfen.

Günstiger wäre dagegen die Einnahme eines CB1R-Antagonisten. Klinische Studien mit derartigen Substanzen wären der nächste logische Schritt. Würden sie das Kurzzeitgedächtnis verbessern, wäre das ein schöner Beweis für die Hypothese des US-Psychiaters. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

19.01.17
GKV-Leistung: Ärzte können künftig Cannabis verordnen
Berlin – Ärzte können Schwerkranken künftig Cannabis zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnen, wenn diesen nicht anders geholfen werden kann. Der Bundestag hat heute einstimmig eine......
18.01.17
Cannabistherapie bei Krebs oder Multipler Sklerose
Berlin – Der Gesundheitsausschuss des Bundestages hat heute den Weg frei gemacht für den Cannabis-Gesetzentwurf der Bundesregierung. Vertreter der Regierungs- wie auch der Oppositionsfraktionen......
16.01.17
Cannabis als Medizin: Bundestag entscheidet
Berlin – Cannabis auf Rezept rückt in Deutschland näher. Ein Schritt zu einer Aufhebung des allgemeinen Cannabisverbots solle die Freigabe des Stoffs als Medizin aber nicht sein, sagte die......
13.01.17
Cannabis: Ältere Generationen in den USA auf der Überholspur
Iowa City – Die Generation Ü50 hängt jüngere US-Bürger beim Cannabiskonsum ab. Während im Jahr 2000 noch etwa ein Prozent der über 50-Jährigen Cannabis in den vergangenen zwölf Monaten konsumierten,......
28.12.16
Berlin – In Deutschland verfügen 1.004 Personen über eine Ausnahmeerlaubnis, Cannabis zur medizinischen Selbsttherapie in einer Apotheke zu kaufen. Das gehe aus einer Antwort der Bundesregierung auf......
15.12.16
New York – US-Toxikologen haben die Ursache für eine rätselhafte „Zombie“-Epidemie gefunden, zu der es in diesem Sommer in einem New Yorker Stadtteil gekommen war. Die jungen Männer, die völlig......
09.12.16
Cannabis verlangsamt das Sehen (und das Denken?)
Nancy – Regelmäßige Konsumenten der Cannabis-Droge zeigen bei einer elektrophysiologischen Untersuchung der Augen eine verlangsamte Verarbeitung von Lichtsignalen in der Netzhaut. Die klinische......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige