| Nach der OP |
München – Am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München sind in der Nacht von 25. auf den 26. Juli einem 54jährigen Mann zwei Arme von einem hirntoten Spender transplantiert worden. Jetzt haben die beteiligten Ärzte Details bekannt gegeben. Es war weltweit die erste allogene Transplantation kompletter Arme, bislang hat es international circa 20 Handtransplantationen, zum Teil mit Unterarmen, gegeben.
Der Empfänger der Arme, ein Landwirt, hatte vor sechs Jahren die beiden eigenen bei einem Arbeitsunfall verloren. Eine Replantation der in T-Shirt-Höhe abgetrennten Gliedmaßen war nicht möglich. „Im Vergleich zu allogenen Handtransplantationen besteht die Herausforderung bei der Transplantation von Armen darin, dass deutlich mehr körperfremde Haut und Knochen mit Knochenmark übertragen werden und damit hoch immunogene Zellen“, sagte Hans-Günther Machens Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie der TU München, dem Deutschen Ärzteblatt. Machens betreut den Patienten federführend. Die 15-stündige Operation habe ein 40-köpfiges Team bewältigt, etwa die Hälfte Chirurgen.
Wegen des im Vergleich zur Transplantation innerer Organe erhöhten Abstoßungsrisikos erhält der Patient eine intensivierte Abstoßungsprophylaxe mit Tacrolimus (systemisch und zwei Mal am Tag lokal mit einer Creme), Cortison und Mycophenolatmofetil (MMF), erläuterte Privatdozent Christoph Höhnke, Leiter des Transplantationsteams, dem DÄ.
Die einwöchige Induktionstherapie mit Antithymozyten-Globulin sei vor kurzem beendet worden. Das immunologische Monitoring, darunter die täglich mehrfache klinische Beurteilung der Haut, regelmäßige Hautbiopsien und differenzierte Analysen immunologischer Parameter, sei deutlich aufwendiger als nach Transplantation solider innerer Organe, sagte Machens.
Unter dem Gesichtspunkt der Operationstechnik und der bisherigen Rejektionsprophylaxe sei die Transplantation ein Erfolg, sagten die Ärzte. Die Ischämiezeit, also die Zeit, in der das Spendergewebe nicht durchblutet war, habe 1,5 und zwei Stunden betragen. Nach den Anastomosen der großen Blutgefäße seien die Arme rasch durchblutet, die Haut rosig geworden, ohne Auftreten eines Kompartimentsyndroms, also einer Schwellung der Muskelkompartimente.
Dem Patienten gehe es den Umständen entsprechend gut. Er habe einen Tag nach der Operation extubiert werden können und sei rasch wach und ansprechbar gewesen. „Der Moment, in dem der Patient zum ersten Mal seine Hände angeschaut hat, war sehr bewegend“, sagte Machens. Der Patient sei glücklich gewesen und habe mehrfach geäußert, die Hände seien ihm nicht fremd, er könne sie gut akzeptieren.
| Ein 40-köpfiges Team war an der OP beteiligt |
Mehrere Versuche, mit Prothesen zu leben, waren bei dem Patienten gescheitert. Die Armstümpfe waren zu kurz, die Prothesen zu schwer, sodass er im täglichen Leben komplett auf fremde Hilfe angewiesen war. „Es war eines der unabdingbaren Auswahlkriterien des Empfängers, dass alle konservativen Möglichkeiten, Lebensqualität herzustellen, ausgeschöpft waren“, erläuterte Höhnke im Gespräch mit dem DÄ.
Der Mann hatte sich selbst an die Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie am Klinikum rechts der Isar mit dem Wunsch einer Transplantation gewandt. Die Klinik hatte sich jahrelang auf Transplantationen wie diese vorbereitet und die Zustimmung der zuständigen Ethikkommission eingeholt.
Machens, selbst jahrelang in der Transplantationschirurgie tätig, unterstützte das Projekt seit seinem Amtsantritt im Dezember 2007 und war bereit, die medizinische Verantwortung zu übernehmen. „Von einem Erfolg insgesamt würde ich erst sprechen wollen, wenn die Lebensqualität des Patienten stimmt und er im Alltag zurecht kommt“, sagte Machens.
Als Parameter für einen kurzfristigen Erfolg sei zum Beispiel zu bewerten, wenn der Patient nach drei bis sechs Monaten seinen Bizeps willkürlich anspannen könne. Die Innervation des Muskels durch den Nervus musculo-cutaneus sei mit circa drei Zentimetern die kürzeste Strecke, die die Axone (sie wachsen nach der mikrochirurgischen Verbindung der Nerven von Empfänger und Spender neu in die Nervenscheiden ein) bei der Regeneration zurücklegen müssen.
Der Patient erhält bereits jetzt Physiotherapie, allerdings noch nicht für die Arme. Die Physiotherapie wird als wichtiger Stimulus für die Regeneration der Nerven gesehen. Sie wachsen maximal einen Millimeter pro Tag. Erst in etwa zwei Jahren werden sie die Fingerspitzen erreicht haben.
„Der Patient weiß, dass wir mit der Behandlung klinisches Neuland betreten und hat keine überzogenen Erwartungen“, so die Ärzte. Er sei eine stabile Persönlichkeit, habe gute Unterstützung durch sein soziales Umfeld und sei sich bewusst, dass die kontinuierliche immunsuppressive Therapie unter Umständen lebensverkürzend wirken könne. Auch über die Möglichkeit des Misserfolgs, zum Beispiel durch Abstoßung, sei intensiv gesprochen worden. © nsi/aerzteblatt.de
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