Medizin

Studie stellt Wirkung der Grippe-Impfung bei Senioren infrage

Montag, 4. August 2008

Seattle – Zu den wichtigsten Aufgaben der Grippeimpfung bei älteren Menschen gehört die Prävention von Pneumonien. Dieses Ziel wird nach den Ergebnissen einer Fall-Kontroll-Studie im Lancet (2008; 372: 398-405) jedoch in der Gruppe der über 65-Jährigen nicht erreicht.

Dass eine Grippeimpfung nicht in jedem Fall vor einer Pneumonie schützt, ist unumstritten. Frühere Beobachtungsstudien hatten jedoch ergeben, dass eine Reduktion der Pneumonierate um 20 bis 30 Prozent erreicht wird. Dem widerspricht jetzt die Analyse von Michael Jackson und Mitarbeitern vom Center for Health Studies, einem Forschungsinstitut der US-Krankenkasse Group Health aus Seattle.

Die Forscher haben 1.173 Versicherte im Alter von 65 bis 94 Jahren, bei denen es während der drei Grippesaisons 2000/1, 2001/2 oder 2002/3 zu einer ambulant erworbenen Pneumonie gekommen war, mit der doppelten Anzahl von Kontrollen ohne Pneumonie verglichen. Es handelte sich um in der Gemeinschaft wohnende Senioren, bei denen keine wesentlichen Schwächen des Immunsystems vorlagen. 

Um mögliche Verzerrungen (Bias) zu vermeiden, achteten die Forscher nicht nur darauf, dass Fälle und Kontrollen das gleiche Alter und Geschlecht hatten. Auch der Anteil der Raucher und eine Reihe weiterer eine Pneumonie begünstigende Faktoren sowie vorbestehende Herz- und Lungenerkrankungen wurden in der Analyse berücksichtigt. Schließlich versuchten die Forscher noch den Bias auszuschließen, der dadurch entsteht, dass gesündere Senioren häufiger als gebrechliche die Dienstleistung einer Impfung in Anspruch nehmen.

Als Maßstab diente ihnen die Häufigkeit von Lungenentzündungen, die nicht Folge der Grippe sein konnten, da sie vor der eigentlichen Grippesaison auftraten. Diese präsaisonalen Pneumonien traten bei den Geimpften um 40 Prozent seltener auf, was für einen deutlichen Einfluss des Gesundheitszustands auf die Bereitschaft zur Impfung spricht.

Im Endergebnis blieb nur noch eine geringe Schutzwirkung der Grippeimpfung vor einer Pneumonie übrig. Geimpfte erkrankten während der Grippewelle zu acht Prozent seltener als Nichtgeimpfte an einer ambulant erworbenen Lungenentzündung. Die zugehörige Odds Ratio von 0,92 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,77 bis 1,10 nicht signifikant.

Dennoch würde Jackson laut Pressemitteilung seiner eigenen Großmutter auf jeden Fall zur jährlichen Impfung raten, da diese sicher und gut verträglich ist, weshalb sich auch eine geringe Schutzwirkung lohnen würde. Unter dem Strich bleibt aber eine Verunsicherung, die wohl nur durch eine randomisierte klinische Studie behoben werden könnte.

Auch Edward Belongia von der Marshfield Clinic Research Foundation in Wisconsin und David Shay von den US Centres for Disease Control and Prevention in Atlanta sind vom Ergebnis der Studie enttäuscht. Sie hatten sich eine signifikante Schutzwirkung erhofft, da in den untersuchten Jahren eine gute Übereinstimmung zwischen dem Impfstoff und den zirkulierenden Viren bestand (Lancet 2008; 372: 352-353). © rme/aerzteblatt.de

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