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Nierentransplantation: Patient nach Immuntherapie seit Monaten ohne Immunsuppressiva

Donnerstag, 7. August 2008

Weniger Immunsupressiva nach einer Nierentransplantation? dpa

Kiel – Forscher der Universität von Schleswig-Holstein haben möglicherweise ein Verfahren gefunden, durch das der Einsatz von Immunsuppressiva nach Organtransplantationen deutlich vermindert werden könnte. Nach den Publikationen in Transplant International (2008; 21: 728-754) kommen einige Patienten seit Monaten mit einer verminderten Dosis der Immunsuppressiva aus, einer konnte ganz auf die Medikamente verzichten, die Organtransplantierte normalerweise lebenslang einnehmen müssen.

Die Gruppe um Fred Fähnrich vom Campus Kiel behandelt die Organempfänger mit TAIC (“transplant acceptance-inducing cell“). Dabei handelt es sich um immunoregulatorische Makrophagen, die nach Aussage der Forscher die Fähigkeit haben, Abstoßungsreaktionen gegen das Transplantat zu unterdrücken. Die Zellen stammen vom Organempfänger selbst.

Sie werden im Labor in einer, wie es heißt, „hoch komplexen“ Prozedur mit Zellen des Spenders zusammengebracht und erwerben dadurch die TAIC-Eigenschaften. Danach werden sie dem Transplantatempfänger wieder infundiert, wo sie die Abstoßungsreaktionen abschwächen sollen. Ob dies gelingt, lässt sich aufgrund der ersten Behandlungsversuche an 17 Patienten noch nicht abschließend beurteilen. Die von den Autoren vorgestellten Ergebnisse sind jedoch sehr vielversprechend.

Zwölf der 17 Patienten hatten eine Niere von verstorbenen Spendern erhalten. Bei ihnen konnte die TAIC-Behandlung deshalb erst nach der Transplantation begonnen werden. Diese Patienten erhielten zunächst eine konventionelle immunsuppressive Therapie, die jedoch  als Folge der Immunkonditionierung mit den TAIC langsam reduziert werden konnte.

Bei zehn der zwölf Patienten konnten die Steroide beginnend ab der vierten Woche nach der Transplantation langsam abgesetzt werden, ohne dass es zu einer Abstoßungsreaktion kam. Bei acht Patienten konnte danach auch Sirolimus abgesetzt werden. Schließlich konnte bei sechs Patienten die Dosis von Tacrolimus deutlich reduziert werden.

Diese Patienten kommen seither mit einer Low-dose-Tacrolimus-Therapie aus. Das ist eine deutliche Reduktion der immunsupprimierenden Medikation, auch wenn der Beweis, dass die TAIC hierfür verantwortlich sind, mangels kontrollierter Vergleichsgruppe noch aussteht. Die Phase-I-Studie belegt jedoch, dass die TAIC-Therapie sicher und auch praktikabel ist. 

Fünf der 17 Patienten erhielten eine Niere von Lebendspendern. Bei zwei Patienten war dies der Bruder, einmal die Tochter und zweimal der Ehegatte. Bei ihnen konnte die TAIC-Behandlung bereits vor der Transplantation begonnen werden, was aus Sicht der Immuntoleranzinduktion sicher günstiger ist. Trotzdem wurde bei den Patienten zunächst nicht auf eine Immunsuppression verzichtet.

Sie bestand aus einer Induktion mit Anti-Thymozyten-Globulin und der Gabe von Tacrolimus plus Steroiden. In den folgenden zwölf Wochen wurden die Steroide ausgeschlichen und die Tacrolimus-Therapie minimiert. Drei der fünf Patienten tolerierten eine Low-dose Tacrolimus-Monotherapie, bei einem Patienten konnten die Mediziner die immunsupprimierenden Medikamente schließlich vollständig absetzen.

Dieser Patient nimmt seit nunmehr acht Monaten keine Immunsuppressiva ein, ohne dass es zu Abstoßungsreaktionen gekommen wäre. Im Laborexperiment warren die Proliferation von T-Zellen und die Freisetzung von Zytokinen, welche die Abstoßungsreaktion in Gang setzen, deutlich supprimiert. Auch hier steht der Wirkungsbeleg mangels randomisierter Vergleichsgruppe noch aus. 

Die Forscher berichten außerdem über den Einzelfall eines 31-jährigen Patienten, der das Transplantat eines Lebendspenders erhalten hatte, gegen das eine Präsensibilisierung bestand. Dass dieser Patient dennoch seit nunmehr 27 Monaten unter einer konventionellen Immunsuppression ohne Abstoßungsreaktionen blieb, führen die Transplantationsmediziner auf die präoperative TAIC-Behandlung zurück.

Nach Auskunft von Prof. Fähnrich handelt es sich um vorläufige Ergebnisse mit einem Verfahren, das möglicherweise noch verbessert werden kann. Sollten sich die Erfolge in randomisierten Studien bestätigen, käme dies sicherlich einem Durchbruch in der Transplantationsmedizin gleich. © rme/aerzteblatt.de

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