Medizin

Antipsychotika erhöhen Schlaganfallrisiko älterer Menschen

Freitag, 29. August 2008

London – Die Verordnung von Antipsychotika kann bei älteren Menschen das Schlaganfallrisiko erhöhen, wobei atypische Neuroleptika riskanter zu sein scheinen als ältere Wirkstoffe. Nach einer Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2008; 337: a1227) sind vor allem Patienten mit einer Demenz gefährdet. 

Die Bedenken, dass Antipsychotika Schlaganfälle begünstigen, sind nicht neu. Bereits 2002 veranlasste die Arzneibehörde Health Canada einen “Dear Healthcare Professional”-Brief von Janssen-Ortho, dem Hersteller des atypischen Neuroleptikums Risperidon. Anlass war ein zweifach erhöhtes Auftreten von zerebrovaskulären Ereignissen (gemeint waren Schlaganfall oder transitorische ischämische Attacken) in vier randomisierten klinischen Studien.

Da es keinen Grund für die Annahme gibt, dass andere atypische Neuroleptika sicherer sind, riet die britische Arzneibehörde (MHRA) 2004 grundsätzlich vom Einsatz von atypischen Neuroleptika bei dementen Patienten ab.

Diese Empfehlung blieb umstritten, da die älteren, typischen Neuroleptika, die ersatzweise eingesetzt werden sollten, schlechter verträglich sind. Die Pharmakovigilanz-Arbeitsgruppe der europäischen Arzneibehörde vertrat später die Auffassung, dass auch für die älteren, typischen Neuroleptika ein erhöhtes Schlaganfallrisiko nicht auszuschließen sei. 

Die Bedenken werden jetzt durch eine neue Untersuchung bestätigt, für die Ian Douglas und Mitarbeiter von der London School of Hygiene and Tropical Medicine die Daten der General Practice Research Database (GPRD) ausgewertet haben.

Die GPRD speichert Patientendaten zu mittlerweile mehr als sechs Millionen Patienten, die von mehr als 400 britischen Hausärzten behandelt werden. Die GPRD ist ein beliebtes Instrument für Epidemiologen, da sich die Verordnung von Medikamenten sehr leicht mit späteren Krankheitsdiagnosen in Verbindung setzen lässt, um zu prüfen, ob sie möglicherweise Folge der Medikamentenverordnung sind.

Gewöhnlich bedienen sich die Forscher hierbei der Methode einer Fall-Kontroll-Studie, deren Ergebnisse aber leicht verfälscht sein können. Bei der vorliegenden Frage, ob Antipsychotika Schlaganfälle begünstigen, ist durchaus denkbar, dass schlaganfallgefährdete Menschen bevorzugt mit diesen Mitteln behandelt werden. Denn Antipsychotika werden häufig bei Patienten mit Demenz eingesetzt, die oft Folge von zerebrovaskulären Erkrankungen sind. Es besteht mithin die Gefahr, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. 

Um dies zu vermeiden, haben Douglas und Mitarbeiter das Design einer „selbstkontrollierten Fallserie“ benutzt. Dabei werden bei den einzelnen Patienten die Verordnungen eines Medikaments vor und nach dem Ereignis verglichen. Fälle und Kontrollen sind in diesem Fall ein und dieselbe Person, und die oben genannten Verzerrungen sollen so vermieden werden. Ob dies gelingt, dürfte Gegenstand von Fachdiskussionen der Epidemiologen sein. 

Die Ergebnisse der Untersuchung sind indes eindeutig: Die Anwendung von Antipsychotika war generell mit einem um 73 Prozent erhöhten Risiko eines Schlaganfalls assoziiert (Rate-Ratio 1,73; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,60-1,87). Das Risiko war für die Gruppe der typischen Neuroleptika mit einer Rate-Ratio von 1,69 (1,55-1,84) niedriger als für die atypischen Neuroleptika mit einer Rate-Ratio von 2,32 (1,73-3,10). Besonders fällt aus, dass das Risiko bei Patienten mit einer Demenz mit einer Rate-Ratio von 3,50 (2,97-4,12) sehr stark erhöht ist. Für Patienten ohne Demenz beträgt die Rate-Ratio 1,41 (1,29-1,55).

Unangenehm sind die Ergebnisse, weil Antipsychotika häufig bei Patienten mit Demenz eingesetzt werden, um die durch die Demenz bedingten Verhaltensstörungen, etwa eine erhöhte Aggressivität zu beherrschen. Da mit dem Alter die Inzidenz von Schlaganfällen steigt, könnte der Einsatz von Neuroleptika bei dementen Patienten für eine größere Zahl von Schlaganfällen verantwortlich sein (sofern die Ergebnisse der Studie valide sind, denn einen plausiblen Pathomechanismus gibt es nicht). Die Londoner Epidemiologen schätzten das Nutzen-Risiko-Verhältnis bei Patienten mit Demenz negativ ein und raten dazu, diese Medikamente nach Möglichkeit zu vermeiden. 

Unterstützung erhalten sie von der Alzheimer's Society. Der britische Interessensverband schätzt, dass durch eine bessere Ausbildung der Betreuer der Einsatz von Antipsychotika bei Demenzpatienten um 50 Prozent gesenkt werden könnte. © rme/aerzteblatt.de 

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