Ausland

China: Kontaminierte Babynahrung führt weltweit zur Verunsicherung

Montag, 15. September 2008

Peking/Wellington/Washington – Der Skandal um verseuchtes Milchpulver in China hat wesentlich größere Ausmaße angenommen als bisher bekannt: Mindestens 1.253 Babys sind nach dem Verzehr von vergiftetem Milchpulver erkrankt, zwei Säuglinge starben an der verseuchten Milch, wie das Gesundheitsministerium in Peking am Montag mitteilte. 

dpa

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Insgesamt etwa 10.000 Säuglinge und Kleinkinder könnten das mit der giftigen Chemikalie Melamin belastete Produkt der Firma Sanlu getrunken haben. Damit korrigierte das Ministerium seine Angaben deutlich nach oben.

Der Lebensmittelskandal erschüttert erneut das Vertrauen in den Produktionsstandort China. Über Monate wurde kontaminierte Babynahrung verkauft und Warnungen ausländischer Behörden zwischenzeitig in den Wind geschlagen. Auf der anderen Seite des Kontinents warnt die amerikanische Zulassungsbehörde FDA die Verbraucher.

Am Samstag gaben chinesischen Behörden zunächst bekannt, dass nach der Fütterung von kontaminiertem Milchpulver 432 Säuglinge an Nierensteinen erkrankt sind, darunter zwei Todesfälle. Über das Wochenende ist die Zahl der Erkrankten nach Presseberichten auf 1.253 gestiegen. Insgesamt 340 Kinder seien hospitalisiert, 53 befänden sich in einem kritischen Zustand, teilte der stellvertretende Gesundheitsminister Ma Shaowei der Öffentlichkeit mit. Die Mütter hatten die Babynahrung mit Milchpulver hergestellt, das von der Haoniu Dairy Co aus Jiuquan, einer Stadt in der Provinz Gansu, hergestellt worden war. 

Wie jetzt fest steht, war das Milchpulver mit Melamin kontaminiert. Das übrigens von Justus von Liebig erstmals hergestellte weißliche Pulver wird heute vor allem zu Kunstharzen verarbeitet. In Milchpulver hat es nichts zu suchen. Melamin ist aber reich an Stickstoff, was offenbar Zulieferer des Herstellers bewog, es dem Milchpulver zuzusetzen, um einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen. Wie lange diese kriminelle Praxis andauerte, ist unklar. Erstmals im März sollen sich Mütter darüber beschwert haben, dass das Milchpulver den Urin der Säuglinge verfärbt habe. Das hat allerdings in China keine weiteren Untersuchungen ausgelöst. 

Die chinesischen Behörden haben zunächst auch nicht reagiert, als die neuseeländische Regierung sie am 5. September auf das Problem aufmerksam machte. Die in der chinesischen Provinz Hebei ansässige Sanlu Gruppe, zu der Haoniu Dairy Co gehört, befindet sich teilweise im Besitz der Fonterra Cooperative, dem größten milchverarbeitenden Betrieb Neuseelands.

Vorher hatten Mitarbeiter von Fonterra, so jedenfalls die Darstellung der neuseeländischen Regierung, über Wochen die chinesischen Behörden ersucht, den Ursachen der Vergiftungen nachzugehen, von denen der neuseeländische Hersteller seit Ende August gewusst haben will.

Erst auf Drängen der neuseeländischen Regierung hin sollen die chinesischen Behörden schließlich aktiv geworden sein. In zwei von 12 Stichproben von Haoniu Dairy Co wurde Melamin gefunden. Am Wochenende warnten die chinesischen Behörden die Bevölkerung davor, Milchpulver der Firma mit einem Herstellungsdatum vor dem 6. August zu verwenden. Außerdem wurde die Verhaftung von 19 Verdächtigen bekannt gegeben. Nach Darstellung der chinesischen Regierung erfolgten die Kontaminationen bei den Milchsammelstellen.

Nun hat sich der Hersteller des verunreinigten Milchpulvers in China bei den Konsumenten und den Angehörigen von erkrankten Kindern entschuldigt. Der Vizepräsident der Sanlu-Gruppe, Zhang Zhenling, verlas am Montag während einer Pressekonferenz in Shijiazhuang eine entsprechende Erklärung, wie die Nachrichtenagentur Xinhua meldete.

Der „ernste“ Zwischenfall habe zahlreichen Babys und ihren Familien Leid zugefügt. „Wir bedauern dies zutiefst“, hieß es in der Erklärung. „Die Sanlu-Gruppe entschuldigt sich in aller Aufrichtigkeit.“ Der Firmenvertreter teilte weiter mit, dass sämtliches Milchpulver von Sanlu, das vor dem 6. August produziert wurde, zurückgerufen worden sei. Auch das Pulver, das nach diesem Datum hergestellt wurde, werde zurückgenommen, wenn Kunden Zweifel an der Sicherheit hegten.

Die Berichte über die Kontaminationen haben auf der anderen Seite des Globus die amerikanische Zulassungsbehörde FDA alarmiert, die durch mehrere Skandale der letzten Monate und Jahre gegenüber den Produktionsbedingungen in China, der kriminellen Energie der Betreiber und den nicht existenten oder wirkungslosen Kontrollen der Behörden gegenüber sensibilisiert ist.

Alle US-Hersteller von Babynahrung, darunter Abbott Nutritionals, Mead Johnson Nutritionals, Nestle USA, PBM Nutritionals und Solus Products LLC sowie SHS/Nutricia aus Liverpool/England versicherten der FDA, dass sie keine Milchpulverprodukte aus China verwenden. Die FDA warnte dennoch die Bevölkerung, vor allem in den chinesischen Immigrantenkreisen, auf die Herkunft des Milchpulvers zu achten und vorerst kein Milchpulver chinesischer Herkunft zu verwenden. 

Nach einer Meldung von Xinhua hat die chinesische Ärztekammer versichert, dass die erkrankten Kinder gute Chancen hätten sich von den Nierenschäden zu erholen, wenn sie rechtzeitig behandelt würden. Eine Expertin gab gegenüber Xinhua allerdings zu, dass die meisten Kliniken nicht über Tests verfügten, um eine Melamin-Exposition ihrer Patienten zu erkennen. © rme/aerzteblatt.de

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