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Geburtshilfe: Antibiotika als Ursache der Zerebralparese

Donnerstag, 18. September 2008

Leicester – Die Langzeitergebnisse zweier maßgeblicher Studien zum Antibiotikaeinsatz bei drohender Frühgeburt sorgen in Großbritannien für Aufregung. Anders als erwartet, hatte die Therapie mit Erythromycin keine günstigen Auswirkungen auf die Prognose des Kindes, selbst wenn ein Blasensprung vorlag. Wurden Frauen ohne Blasensprung antibiotisch behandelt, erhöhte dies sogar das Risiko auf eine Zerebralparese der Kinder.

Die 2001 im Lancet publizierten Ergebnisse der ORACLE-Studien haben in den letzten Jahren zu einem vermehrten Einsatz von Antibiotika bei Frauen mit drohender Frühgeburt geführt. Die ORACLE-1-Studie hatte nämlich gezeigt, dass die Gabe von Erythromycin bei Frauen mit vorzeitigem Blasensprung die Prognose des Neugeborenen verbessert.

Die Vorteile im primären Endpunkt der Studie – einem Composite aus neonatalem Tod, chronischen Lungenerkrankungen oder schweren Hirnschäden in der Sonografie  – waren zwar gering (14,4 Prozent vs. 11,2 Prozent bei Einzelschwangerschaften), aber wegen der hohen Teilnehmerzahl von fast 5.000 Frauen statistisch signifikant (Lancet 2001; 357: 979-988).

Und die ORACLE-2-Studie ließ sogar vermuten, dass, wenn auch nicht das Kind, so doch die Schwangere selbst dann einen Vorteil aus der Therapie zieht, wenn die Fruchtblase noch intakt war (Lancet 2001; 357: 989-994). Die Folge war ein deutlicher Anstieg der Antibiotikaverordnungen in Großbritannien.

Ob er für die Zunahme der Erythromycin-Resistenzen von Gruppe B Streptokokken verantwortlich war, deren Prävalenz sich von 6,6 in 2002 auf 11,2 Prozent in 2006 fast verdoppelte, ist unklar. Für den Editorialisten P.J. Steer vom Imperial College in London ist dies nicht auszuschließen (Lancet 2008; doi: 10.1016/S0140-6736(08)61248-9). Klar sei jedoch, dass es eine Übertherapie mit Antibiotika gab, die durch die Ergebnisse der Nachfolgestudien sehr stark infrage gestellt werde. 

Die ORACLE Children Study I ergab nämlich, dass die Zahl der Kinder, die im Alter von sieben Jahren funktionelle Einschränkungen haben, gleich hoch war, egal ob die Mütter nach dem Blasensprung nun Antibiotika (Erythromycin war teilweise mit Amoxicillin/Clavulansäure kombiniert worden) erhalten hatten oder nicht (Lancet 2008; doi: 10.1016/S0140-6736(08)61202-7).

Dies ist ein Ergebnis, mit dem sich der Royal College of Obstetricians and Gynaecologists vorerst nicht abfinden mag. In einer Stellungnahme betont der Verband, dass er vorerst nicht daran denke, seine Leitlinien zu ändern. Bei den etwa zwei Prozent der Schwangerschaften, bei denen es zum Blasensprung kommt, sollten weiterhin Antibiotika gegeben werden, um das Risiko einer Infektion zu vermindern. Auch der Medical Research Council, Sponsor der Studie, und sogar das Gesundheitsministerium gaben Pressemitteilungen heraus, in denen die Schwangern ermahnt wurden, die Antibiotika weiter einzunehmen, wenn sie ihnen ärztlicherseits verordnet wurden. 

Die Verunsicherung in der Öffentlichkeit ist jedoch groß. Denn die Ergebnisse der ORACLE Children Study II zeigen, dass die Antibiotika-Gabe sogar schwerwiegende Komplikationen nach sich ziehen könnte. In dieser Studie wurden Kinder untersucht, deren Mütter mit Antibiotika behandelt wurden, obwohl keine Zeichen eines vorzeitigen Blasensprungs vorlagen.

Und in dieser Gruppe, die Antibiotika erhalten hatte, kam es später häufiger zu einer Zerebralparese: 53 von 1.611 Kinder im Erythromycinarm (3,3 Prozent) versus 27 von 1.562 Kindern (1,9 Prozent). Das ergibt eine Number Needed to Harm von 64, die sicherlich zu beachten ist bei einer lebenslangen Behinderung wie der Zerebralparese (Lancet 2008; doi: 10.1016/S0140-6736(08)61203-9).

Warum Antibiotika zur Behinderung führen, ist offen. Steer vermutet, dass die Dosis zu gering war, um die Erreger zu vernichten, aber hoch genug um die Schwangerschaft zu erhalten, womit die Dauer, in der die Feten den Erregern aus der Fruchtblase ausgesetzt waren, verlängert worden wäre. Das ist allerdings recht spekulativ.

Zu erwarten ist, dass die Geburtshelfer in Zukunft die Antibiotika gezielter einsetzen werden. Ganz sicher aber werden sie bei vielen Schwangeren Überzeugungsarbeit leisten müssen, wenn diese eine nachgewiesene Infektion mit Antibiotika behandeln möchten. © rme/aerzteblatt.de 

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